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Im Umbruch - How to architect the future?

Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um unsere Zukunft! Der Ausschuss zur Zukunft des Berufsstandes der Architektenkammer Niedersachsen sucht den Dialog.

Es wird wie wild gebaut, die Auftragsbücher unserer Zunft sind voll – noch. Die Corona-Krise und ihre Auswirkungen haben uns die Fragilität unseres Daseins und die Notwendigkeit, sich nicht im Althergebrachten einzurichten, in all seinen Facetten nochmals eindrücklich vor Augen geführt. Mühsam sucht man hierzulande nach neuen Ideen für eine zukünftige gesellschaftliche und umweltgerechte Entwicklung. Haben Planer*innen und Bauschaffende ihre eigentliche Aufgabe, integrierte gebaute Umwelten zu schaffen, eigentlich noch im Blick? Oder sind wir nur noch Erfüllungsgehilfen der Immobilienwirtschaft? Und warum stellen wir zwar funktionale, aber wenig zukunftsweisende Freiräume her?

Wollen wir als Berufsstand zukünftig ein systemrelevanter Player sein, müssen wir uns neu positionieren. Und zwar als eine Zunft, die zur ökologischen, ökonomischen und vor allem gesellschaftlichen Entwicklung einen wichtigen Beitrag leistet. Hierzu benötigt es Mut, die Einsicht, auch mal scheitern zu können, und vor allem den Willen am Diskurs über die Gestaltung der Zukunft mit hörbarer Stimme teilzunehmen. Um erfolgreich zu sein, müssen wir konsequent den Menschen in den Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns stellen, für ihn müssen wir integrierende Beiträge zur gebauten Umwelt entwickeln. Dies erreichen wie nur, wenn wir als Planer*innen proaktiv mit anderen Disziplinen zusammenarbeiten und im Team agieren – ohne Angst vor Komplexität und Verlusten.

Dieser Komplexität müssen wir gemeinsam mit dem beruflichen Nachwuchs gerecht werden. Denn ist der überhöhte Glaube an „den Architekten“ als fantastischen Gestalter und vorausschauenden Lenker nicht absolut überholt? Diese Anforderung kann weder Frau noch Mann singulär erfüllen. Die Rolle der Planenden muss neu definiert werden. Dabei darf nicht der Fehler unterlaufen, die Spezialisierung hin zu einem von vielen Fachplanern weiterzuführen, vielmehr müssen wir den aus interdisziplinären Teams und unterschiedlichen Generationen bestehenden „Megageneralisten“ gründen.

Die Digitalisierung stellt die Planenden zusätzlich vor große Herausforderungen, ist aber auch eine gewaltige Chance, der Komplexität in multidisziplinären Teams gerecht werden zu können. Gerade im Zuge der Technisierung ist es besonders bedeutsam, den Protagonisten Mensch nicht aus den Augen zu verlieren. Demzufolge muss sich der Berufsstand mit der Gefährdung der offenen Gesellschaft, die mit einer zunehmenden Digitalisierung einhergeht, kritisch auseinandersetzen und sich zu Wort melden.

Stadtplaner Oliver Seidel im Gespräch

Unter dem Titel „Im Umbruch – How to architect the future?“ soll sich am 22. April 2021 alles um die zukünftige Relevanz von Architektinnen und Architekten drehen. Oliver Seidel ist als Vorsitzender des Ausschusses „Zukunft des Berufsstandes“ verantwortlich für dessen Ausgestaltung. Ein Gespräch mit ihm über die Ziele der Veranstaltung und die Zukunft der Planenden.

>> zum Gespräch

HOW TO ARCHITECT THE FUTURE?

Die folgenden Fragen, Antworten und Statements sollen unseren Diskurs über die Zukunft befeuern. Wir erwarten keine langen Statements, sondern suchen zukunftsweisende Schlaglichter, Positionen und Haltungen, die zum Nachdenken anregen. Die Reihe wird laufend erweitert.

>> Mitmachen

>> Martin Sobota, Partner Cityförster, Hochschullehrer, Member of Advisory Committee of Stimuleringsfonds Creative Industries NL

Wo liegen die Herausforderungen für den Berufsstand der Planer*innen in der Zukunft?

Der krasse Umbau, den der Klimawandel unseren Gesellschaften abringt, hat gerade erst angefangen. Wir werden in den kommenden Jahren und Jahrzenten Krisen erleben, die der jetzigen Corona Krise in nichts nachstehen werden. Diese Krisen geben dem Wandel enormes Beschleunigungspotential, aber wir müssen wissen wohin wir wollen. Wie können Häuser und Städte aussehen, die nicht nur weniger schlecht, sondern die echt besser sind? Wichtig ist dabei übrigens, auf Hardware UND Software zu schauen. Diesen Umbau unserer Gesellschaft also zu nutzen, um sie auch gerechter und inklusiver zu machen.
 
Kommen die Planer*innen ihrer Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft angemessen nach?

Leider Nein. Wir überlassen das Feld den Ingenieuren. Wir haben uns zu lange mit ‚Form’alitäten aufgehalten. Dabei ist die Verantwortung überwältigend groß. Gebäude alleine sind für fast 40 Prozent der CO2 Emissionen verantwortlich. Wir haben außerdem auch wichtigen Einfluss aus Mobilität, Transport und Lifestyle, eigentlich also eine Schlüsselrolle. Da wir aber immer auch Dienstleister sind und nur bedingt über die Fragen herauswachsen können, die an uns gestellt werden, müssen wir uns als Berufsstand aktiv dafür einsetzen, dass uns die richtigen Fragen gestellt werden.
 
Sind die Planer*innen für die Zukunftsgestaltung überhaupt relevant? Welche Handlungsfelder müssen fokussiert werden, um eine bedeutsame Rolle innerhalb unserer Gesellschaft zu spielen?

Natürlich sind wir relevant, bzw. könnten es sein. Weil wir an wichtigen Schnittstellen sitzen, Expertenwissen integrieren und an unsere Auftraggeber und die breite Öffentlichkeit kommunizieren können. Dazu müssen wir unser integratives Vermögen stärken, MIT Ingenieuren und Auftraggebern arbeiten, statt gegen sie und auch akzeptieren, dass viele manches besser können.  
 
Wird der Nachwuchs auf die Herausforderungen der Zukunft gut vorbereitet?

Die Ausbildung in Deutschland im Allgemeinen ist sehr gut und ein Absolvent einer deutschen Uni hat in der Regel von allen am Bau beteiligten Disziplinen die grundlegenden Prinzipien mitbekommen. Dass ist wichtig, um miteinander reden zu können. Es ermöglicht integrierendes Arbeiten, mit den Fachdisziplinen mitzudenken und auch gemeinsam Lösungen entwickeln zu können. Es sollte vielleicht erweitert werden mit der Fähigkeit zur Kommunikation mit einer breiteren Öffentlichkeit.  
 
Was möchten Sie den Planer*innen aus Ihrer Perspektive mit auf den Weg geben?

Alles wird gut!  - und es wird noch eine Weile dauern bis unser Berufstand von Maschinen übernommen werden kann.

>> Dr. Christian Welzbacher, Architekturkritiker und Publizist, Berlin

Wo liegen die Herausforderungen für den Berufsstand der Planer*innen in der Zukunft?

Neubau, Bestand, Umwelt, Technik und vor allem den Mensch in ein sinnvolles Gleichgewicht zu bringen, das weniger redite- als nutzen- und qualitätsorientiert zu sein hat als es derzeit der Fall ist.

Kommen die Planer*innen ihrer Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft angemessen nach?

Genau dies sollte sich jeder Planer einmal selbst fragen. Selbstkritik – und zwar ganz im Sinne einer positiven Kritik – kann nicht schaden. Also: Hand auf's Herz.

Sind die Planer*innen für die Zukunftsgestaltung überhaupt relevant?

Selbstzweifel, die unter der Architektenschaft ja turnusmäßig grassieren, helfen nicht weiter. Ich bin mir sicher, dass die Planer absolut relevant sein werden (siehe Antwort auf die letzte Frage).

Welche Handlungsfelder müssen fokussiert werden, um eine bedeutsame Rolle innerhalb unserer Gesellschaft zu spielen?

Siehe Antwort zur Frage 1 – daraus erklärt sich, was zu tun ist.

Wird der Nachwuchs auf die Herausforderungen der Zukunft gut vorbereitet?

In den Schulen und Hochschulen? Sicherlich nicht.

Was möchten Sie den Planer*innen aus Ihrer Perspektive mit auf den Weg geben?

Sich selbst immer wieder in Frage zu stellen – auf die hier gestellten Fragen hin. Und dabei weniger modische, floskelhafte Antworten zu geben („Nachhaltigkeit“, „Inklusion“, „Barrierefreiheit“) als in wesentliche Bereiche des Berufs vorzudringen. Eine der Kernkompetenzen des Architekten ist für mich immer noch Organisation: von Raum und Leben, von Gesellschaft und Zusammenleben. Ist das nicht eigentlich eine wundervolle Fähigkeit (soweit sie richtig angewandt wird und fruchtbar zum Tragen kommt)?

 

>> studiomauer, Hannover

Wo liegen die Herausforderungen für den Berufsstand der Planer*innen in der Zukunft?

Unser Berufsstand unterliegt einem extremen Wettbewerbsdruck und benachteiligt junge Planer mit guten und frischen Ideen. Ziel muss es sein, kommende Generationen für die großen Fragen der Zukunft zu begeistern und mitzunehmen. Da müssen wir eine Vorbildrolle einnehmen. Gleichzeitig braucht unser Berufstand mehr Wertschätzung für die vielen Themen, die wir versuchen, unter einen Hut zu bringen. Um dieser Komplexität gerecht zu werden, braucht es eine angemessene Bezahlung. Man muss ja mal ganz Grundsätzlich sagen, uns fällt keine Branche ein, in der in diesem Umfang ohne Bezahlung gearbeitet wird.

Kommen die Planer*innen ihrer Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft angemessen nach?

Viele Architekten folgen aus finanziellen Gründen kompromisslos den Regeln des Marktes. Als Architekten ist es aber in unserer Verantwortung, die Themen der Zukunft, also zum Beispiel CO2-freundlicher zu bauen oder die Frage nach zukunftsfähigen Wohnformen, immer wieder in den Fokus zu rücken und uns auch durchzusetzen. Seitens der Politik und der Kammer müssen dabei forschende und vorbildliche Ansätze viel stärker gefördert werden!

Sind die Planer*innen für die Zukunftsgestaltung überhaupt relevant? Welche Handlungsfelder müssen fokussiert werden, um eine bedeutsame Rolle innerhalb unserer Gesellschaft zu spielen?

Verschiedene Studien kommen zum Ergebnis, dass die Baubranche für ca .1/3 aller Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Niemand kann da behaupten, wir Planer hätten keine Relevanz. Gerade aufgrund dieser erschreckenden Werte, haben wir eine ganz besondere Verantwortung der gesamten Gesellschaft gegenüber! Unsere Aufgabe ist es, Bauherren/innen diesen Fakt bewusst zu machen und gemeinsam mit diesen Lösungen zu finden. Gleichzeitig müssen sich Bauherren/innen viel stärker vor der Gesellschaft verantworten. Es reicht nicht zu argumentieren, dass Sie Wohnungen schaffen und das „Wie“ rutscht dabei völlig in den Hintergrund.

Wird der Nachwuchs auf die Herausforderungen der Zukunft gut vorbereitet?

Der Nachwuchs ist stark vernetzt und hat die Themen der Zukunft zu großen Teilen auf dem Schirm. Wir würden uns wünschen, dass sich junge Planer/innen mit Selbstbewusstsein in den unterschiedlichsten Bereichen einmischen und für Veränderung sorgen. Und anstelle der diversen Hürden für junge Planer/innen, müssen Förderprogramme für zukunftsfähige Entwicklungen treten.

Was möchten Sie den Planer*innen aus Ihrer Perspektive mit auf den Weg geben?

Wir brauchen viel mehr Mut und Engagement der Planer/inner, sich mit zukunftsfähigen Themen auseinander- und auch durchzusetzen. Der Wissenspol unseres Berufstandes ist immens und muss viel stärker genutzt werden. Um das zu erreichen müssen wir auch innerhalb unserer Branche viel mehr miteinander arbeiten als Gegeneinander!

>> Prof. Mikala Holme Samsøe, Architektin, München

Wo liegen die Herausforderungen für den Berufsstand der Planer*innen in der Zukunft?

Dass wir relevant für die Gesellschaft sind. Der ästhetische Diskurs, der seit Jahrzehnten nur noch am Rande der Gesellschaft geführt wird, muß stärker in die Mitte der Gesellschaft rücken. Die Herausforderung ist ein Komplementär zu der aktuellen wirtschaftlichen Entscheidungslogik aufzumachen.
 
Kommen die Planer*innen ihrer Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft angemessen nach?

Die Frage tut weh. Natürlich tun wir es nicht. Im kleinen ja, aber an schlechten Tagen denke ich, warum laufen wir nicht demonstrierend durch die Straßen? „Schönheit, Langlebigkeit und Reduktion“ Die Welt braucht eine friedliche Revolution.
 
Sind die Planer*innen für die Zukunftsgestaltung überhaupt relevant? Welche Handlungsfelder müssen fokussiert werden, um eine bedeutsame Rolle innerhalb unserer Gesellschaft zu spielen?

Wir haben auf jeden fall ein starkes Potential relevant zu sein in unserer Zeit. Fragen des Klimas, der Demokratie und der sozialen Ungleichheit brauchen komplementäre Ansätze zu dem aktuellen wirtschaftlichen Diskurs, der in wachsender Kritik steht. Ein ästhetischer und reduktiver Ansatz öffnet radikale Blicke auf erstzunehmende Lebensmodelle und Wertevorstellungen. Geht es auch mit Weniger? Schöner? und unkomplizierter?
 
Wird der Nachwuchs auf die Herausforderungen der Zukunft gut vorbereitet?

Mehr und mehr Hochschulen und Universitäten führen einen proaktiven gesellschaftlichen Diskurs und die (Auf)Forderung sich als ästhetisch gebildeter Mensch in der ganzen Palette der Themen der Gesellschaft und in den Planungsphasen einzubringen. Das ist der richtige Weg in unserer Zeit, denke ich
 
Was möchten Sie den Planer*innen aus Ihrer Perspektive mit auf den Weg geben?

MUT und WILLE. Die Zukunft ist auch unser Zuständigkeitsbereich. Gemeinsam mit anderen sollen wir Einfluss ergreifen.

>> Dr. Johannes Novy Stadtplanung & Urbanismus. University of Westminster, London

Wo liegen die Herausforderungen für den Berufsstand der Planer*innen in der Zukunft?

It's the environment, stupid! Klimawandel und schwindende Ressourcen zwingen uns, Architektur und Städtebau radikal neu zu denken. Im Klartext heißt das: mehr Umbau statt Neubau und wenn neu gebaut werden muss, dann konsequent nach ökologischen Gesichtspunkten (ohne dabei die soziale Frage aus den Augen zu verlieren). 

Kommen die Planer*innen ihrer Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft angemessen nach? 

Planer*innen kommen ihrer Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft dann nach, wenn sie den Mut aufbringen, gedanklich wie auch baulich, neue Wege zu gehen. Wer feststellt, dass es vor dem Hintergrund der Klimakrise und anderer gesellschaftlichen Herausforderungen mit marginalen Verbesserungen in Architektur und Städtebau nicht getan ist, sondern radikale Veränderungen braucht, argumentiert nicht ideologisch, sondern logisch. Auch das Abfeiern formal-ästhetisch oder technisch-konstruktiv anspruchsvoller, aber aus ökologischer – oder auch sozialer – Perspektive problematischer Projekte muss ein Ende haben.

Sind die Planer*innen für die Zukunftsgestaltung überhaupt relevant? Welche Handlungsfelder müssen fokussiert werden, um eine bedeutsame Rolle innerhalb unserer Gesellschaft zu spielen?

Planer*innen wird bei der Zukunftsgestaltung eine wesentliche Rolle zuteil. Sie sind es, die gesellschaftlichen Ideen und Visionen eine räumliche Gestalt geben und Vorstellungen für mögliche Zukünfte sinnlich erfahrbar und greifbar machen können.

Wird der Nachwuchs auf die Herausforderungen der Zukunft gut vorbereitet?

Der “Nachwuchs” scheint mir mit dazu beigetragen zu haben, dass wir heute wieder mehr über Architektur und Städtebau als politische und soziale Praxis und ihre daraus resultierende Verantwortung diskutieren. Dafür Hut ab! Was die “Herausforderungen der Zukunft” angeht: die Covid-19-Pandemie zeigt, dass sich Zukunft nicht ohne Weiteres vorhersehen lässt. Gefragt sind Agilität im Denken, die Fähigkeit, mit Unvorhersehbarkeit und Überraschungen umzugehen sowie Zeit und Raum zum Experimentieren, Spekulieren und Ausprobieren. Tragen wir dem in der Ausbildung von Studierenden genügend Rechnung? Ich wünschte, es wäre so, aber sehe da Luft nach oben. 

Was möchten Sie den Planer*innen aus Ihrer Perspektive mit auf den Weg geben?

Ich habe den Eindruck, dass wir mitunter dazu neigen, uns und unsere Rolle zu über- oder zu unterschätzen. Planer*innen sind keinesfalls allmächtig, aber auch nicht machtlos. Als Expert*innen des gebauten Raumes werden wir gehört und haben Einfluss. Es gilt, diesen Einfluss durch Haltung und Handeln mehr Geltung zu verschaffen. 

>> Dr. Thela Wernstedt, SPD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag

Wo liegen die Herausforderungen für den Berufsstand der Planer*innen in der Zukunft?

Sich im politischen Raum ausreichend Gehör zu verschaffen, um Krankenhaus-, Behörden- und Schulbau innerhalb der aktuellen Investitionsprogramme für die Bedarfe der Zukunft zu bauen und v. a. auch Städte- und Wohnungsbau verantwortlich mit zu planen.

Kommen die Planer*innen ihrer Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft angemessen nach?

Heute muss mehr mit Partizipationsanteilen gearbeitet werden. Nur wenn Nutzer*innen beteiligt werden, kann gute Infrastruktur für die Zukunft entstehen

Sind die Planer*innen für die Zukunftsgestaltung überhaupt relevant? Welche Handlungsfelder müssen fokussiert werden, um eine bedeutsame Rolle innerhalb unserer Gesellschaft zu spielen?

Architekt*innen müssen gute Partizipationorganisator*innen und -kommunikator*innen sein, neben ihrer fachlichen Expertise. Der Experte, der den Menschen Großwohnsiedlungen hinsetzt, ohne zu fragen wie sie leben wollen, ist ein Subjekt der Vergangenheit. Das schließt bereits die politischen Prozesse im Vorfeld ein. Architekten müssen sich wesentlich stärker in die Diskussionen und die Entwürfe von Visionen im Vorfeld im öffentlichen Raum einbringen.

Was möchten Sie den Planer*innen aus Ihrer Perspektive mit auf den Weg geben?

Gehen Sie in die Parteien und bringen Sie bereits dort ihre Fachexpertise und ihre Ideen mit ein, damit Wahlprogramme mit Expertise erstellt werden!

>> Daniel Fuhrhop, Autor, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Wo liegen die Herausforderungen für den Berufsstand der Planer*innen in der Zukunft?

Eine dreifache Krise verändert die Planung: die Klimakatastrophe, die Alterung der Bevölkerung und wachsende soziale Ungleichheit. Alles drei verlangt, weniger neu zu bauen und mehr bezahlbare und altersgerechte Lösungen im Bestand zu suchen.

Kommen die Planer*innen ihrer Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft angemessen nach?

Das hängt vom Gewissen, vom Portemonnaie und vom Mut ab.

Sind die Planer*innen für die Zukunftsgestaltung überhaupt relevant? Welche Handlungsfelder müssen fokussiert werden, um eine bedeutsame Rolle innerhalb unserer Gesellschaft zu spielen?

Beim Umbau ist Architektur mindestens so wichtig wie beim Neubau. Wenn es Planerinnen und Planern gelingt, durch Raumwunder zu zeigen, das alte Häuser fast alles können, werden sie für die Gesellschaft wichtiger.

Wird der Nachwuchs auf die Herausforderungen der Zukunft gut vorbereitet?

Wenn schon alles perfekt wäre, müsste es keine „architects for future“ geben.

Was möchten Sie den Planer*innen aus Ihrer Perspektive mit auf den Weg geben?

Zeigen Sie Ihren Bauherrinnen, dass auch ein Umbau ein Prestigeprojekt werden kann.

>> Alexander Gutzmer, Publizist und Professor für Medien und Kommunikation an der Berliner Quadriga-Hochschule

Wo liegen die Herausforderungen für den Berufsstand der Planer*innen in der Zukunft?

Die Welt wird komplexer, die Architektur muss es auch werden. Bauherren und Gesellschaft erwarten von unserer Branche Antworten auf die zentralen Herausforderungen von morgen: Nachhaltige Umgestaltung von Gesellschaft. Anhaltende Globalisierung trotz der diskursiven Entzauberung des Begriffs. Erosion jeglichen Verständnisses von gesellschaftlichem Konsens. Urbanität der Zukunft. Hierauf architektonische Antworten zu finden ist ungemein anspruchsvoll – aber möglich.

Kommen die Planer*innen ihrer Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft angemessen nach?

Diese Frage schreit eigentlich nach einem „nein“, und in der Architektenschaft herrscht häufig auch eine Art autozentrierte Zerknirschtheit. Ich würde mal die Gegenthese formulieren: Gemessen an ihren Möglichkeiten, versuchen Architekten tatsächlich, Gesellschaft zu formen und wichtige Lösungen voranzutreiben. Natürlich kann man immer noch mehr tun, und natürlich gibt es viel willfährige Auftragserfüllungsarchitektur. Aber es gibt auch immer wieder Architekten, die Haltungen formulieren und diese auch in konkrete Gebäude einfließen lassen. In meinem aktuellen Buch diskutiere ich übrigens solche Beispiele.

Sind die Planer*innen für die Zukunftsgestaltung überhaupt relevant? Welche Handlungsfelder müssen fokussiert werden, um eine bedeutsame Rolle innerhalb unserer Gesellschaft zu spielen?

Natürlich sind Architekten relevant. Die wesentlichen Herausforderungen von heute – Klimawandel, Mobilitätsrevolution, globaler Clash of Civilizations and Cultures, Populismus – sind entweder inhärent raumbezogen oder äußern sich zumindest räumlich. Damit stehen Architekten als Experten des gebauten Raumes im Kern der Debatte – oder sollten zumindest dort stehen. Sie müssen diese Position aber natürlich auch anstreben. Das heißt, eine proaktive Beteiligung am gesellschaftlichen Diskurs ist gefragt. Und übrigens: Wenn das dann heißt, dass man sich dem Verdacht des „STararchitektentums“ aussetzt, dann ist das im Zweifel auch mal nicht schlimm. Die Binsenhaftigkeit, mit der dieser Vorwurf in der Profession umhergeistert, langweilt mich ohnehin.

Wird der Nachwuchs auf die Herausforderungen der Zukunft gut vorbereitet?

Der Zuschnitt vieler universitären Curricula auf die Rolle des unabhängigen Büroinhabers ist sicher zu hinterfragen. Zugleich stellt sich mir die Frage, wie das Bachelor-Master-System zum Blühen gebracht werden kann. Dessen Idee ist ja, in einem Bachelor Grundlagen eines Faches so weit vermittelt zu bekommen, dass man im Master ein hohes Maß an Wahlfreiheit hat. Es wäre gut, wenn wir Architekten hätten, die zum Beispiel einen Master in Psychologie, Kulturwissenschaften, Volkswirtschaft oder auch Geschichte hätten. Um diesen Ansatz zu verfolgen, müsste das Bachelor-Studium sicher reformiert werden.

Was möchten Sie den Planer*innen aus Ihrer Perspektive mit auf den Weg geben?

Wir brauchen eine Architektur, die selbstbewusst auftritt, die mutig Lösungen für die Herausforderungen von morgen formuliert. Eine Architektur, die integrative, offene, aber auch ausdrucksstarke Räume schafft, zugleich aber auch den Wert solcher Räume auf den Punkt bringt, der Öffentlichkeit gegenüber genauso wie gegenüber Bauherren oder Entwicklern. Eine Architektur, die Menschen zusammenbringt und die Identifikation mit urbanen Räumen fördert, ohne sich in Zitaten vergangener Strukturen zu verlieren. Das Projekt Metropole ist immer noch eines der ganz großen, die die Menschheit umtreibt. Architekten müssen Treiber und Advokaten dieses Projektes sein – gerade in Zeiten, in denen es die Menschen wegen corona-induzierter Angst aus den Städten heraustreibt.

>> Hans Christian Post, Architektur-Dokumentarfilmer, Kopenhagen

Wo liegen die Herausforderungen für den Berufsstand der Planer*innen in der Zukunft?

Außer, dass es natürlich zukünftig darum gehen muss, nachhaltig, umweltfreundlich und flexibel zu bauen, damit Gebäude und Stadträume längere Lebenszeiten kriegen und leicht umgenutzt werden können, ist die größte Herausforderung meiner Meinung nach, weiterhin kostengünstig zu bauen. Es müssen wieder günstige Wohnungen und Gewerberäume produziert werden. Die Coronakrise zeigt, dass wir finanzielle Flexibilität brauchen. Städte müssen alles tun, um die Grundpreise auf ein niedrigeres Niveau zu kriegen, und gleichzeitig dafür sorgen, dass kostengünstiges Wohnen eine Grundbedingung wird, wenn Investoren bauen wollen. Wenn Investoren oder Politiker nicht darüber nachdenken, sollten die Architekt*innen sie daran erinnern, dass wir alle verlieren werden, wenn die finanzielle Freiheit bei vielen Menschen und Betrieben wegen zu hoher Mieten eingeschränkt ist. Darüber hinaus müssen wir fragen, welche positive Rolle die ländlichen Regionen oder die Peripherie zukünftig spielen können. Soll die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Kluft zwischen Stadt und Land weiter wachsen oder können wir tatsächlich eine attraktive und nachhaltige Rolle für die Peripherie finden?

Kommen die Planer*innen ihrer Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft angemessen nach?

Wenn man guckt, wie zum Beispiel in Berlin zur Zeit gebaut und gestaltet wird, spürt man nicht, dass die Fragen nach Nachhaltigkeit und kostengünstigen Wohn- und Nutzflächen eine angemessene Rolle spielen. Architekt*innen und Planer*innen müssen diese Themen klarer und lauter thematisieren und müssen sich auch wieder trauen, offensiver nach Lösungen zu suchen. Letztes Jahr feierten wir 100 Jahre Bauhaus. Es wäre schön, wenn eine derartige Bewegung sich wieder bilden könnte, mit Selbstvertrauen und klaren Zielen.

Sind die Planer*innen für die Zukunftsgestaltung überhaupt relevant? Welche Handlungsfelder müssen fokussiert werden, um eine bedeutsame Rolle innerhalb unserer Gesellschaft zu spielen?

Ich denke, dass das kostengünstige Wohnen vom Anfang an, das heißt ab Beginn der Ausbildung, ein Dauerthema sein sollte, damit es nicht vergessen wird, dass das Wohnen ein Grundbedürfnis ist, das sich alle mit Würde und ohne existentielle Ängste leisten können sollten. Aber das ist eigentlich etwas, was die ganze Gesellschaft erkennen sollte.

Was möchten Sie den Planer*innen aus Ihrer Perspektive mit auf den Weg geben?

Selbstvertrauen. Das utopische Denken gehört zum Fach und Arbeitsgebiet der Planer*innnen, und da sollten sie sich nicht zurückhalten. Wenn gesagt wird, ‚dass es alles nichts nutzt oder nicht möglich ist‘, sollten sie immer kontern, ‚Doch, alles ist möglich. Die Zukunft ist noch offen und wir werden tatsächlich eine bessere Welt für alle planen und bauen.‘

>> Prof. Heiner Lippe, Architekt, Technische Hochschule Lübeck

Wo liegen die Herausforderungen für den Berufsstand der Planer*innen in der Zukunft?

Nachhaltigkeit viel ernster nehmen. Breiter und tiefer, verantwortungsvoller Wahrnehmen und Handeln; sozial-ökologische Verantwortung übernehmen!

Kommen die Planer*innen ihrer Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft angemessen nach?

Noch nicht so ganz! Das „Abrücken“ von einem elitär-konservativen, rein einem antiquierten Gestaltungsdiktat verpflichteten Berufsbild scheint schwierig. Aber es wird viel getan, viel informiert, um den Blick für die globalen Zukunftsaufgaben zu schärfen. Das bedeutet auch zu realisieren, dass der Begriff der Baukultur nun ebenfalls die aktuellen und zukünftigen Randbedingungen und Herausforderungen integriert.

Sind die Planer*innen für die Zukunftsgestaltung überhaupt relevant? Welche Handlungsfelder müssen fokussiert werden, um eine bedeutsame Rolle innerhalb unserer Gesellschaft zu spielen?

Auf jeden Fall sind Planerinnen und Planer relevant, um die gesellschaftlichen Aufgaben durch ihr Moderieren, Beraten, Planen und Bauen gestaltend mit zu beeinflussen. Auch hierbei ist die Integration von gesamtheitlichen Nachhaltigkeitsaspekten eine Kernaufgabe.

Wird der Nachwuchs auf die Herausforderungen der Zukunft gut vorbereitet?

Viele Hochschulen in Deutschland widmen sich im Rahmen der Ausbildung von Architektinnen und Architekten bereits partiell oder auch interdisziplinär zukunftsrelevanten Themen. Die Vernetzung, das Miteinander mit benachbarten Disziplinen sollte überall ausgebaut werden.

Was möchten Sie den Planer*innen aus Ihrer Perspektive mit auf den Weg geben?

Neugierig bleiben! Konstruktiv hinterfragen! Unkonventionelles wagen! Vernetzen! Über den Tellerrand schauen und denken! Verantwortung übernehmen für die Zukunft! Spaß an der Arbeit haben!

>> Prof. Jörg Schröder, Universität Hannover, Fakultät für Architektur und Landschaft

Wo liegen die Herausforderungen für den Berufsstand der Planer*innen in der Zukunft?

Die Räume außerhalb der Metropolen sind ein absolutes Zukunftsthema – gerade in Niedersachsen. Dabei geht es sowohl um metropolregionale Aufstellungen und Einflüsse (Hannover-Braunschweig-Göttingen-Wolfsburg, Hamburg, Bremen), also auch um Großstädte, Klein- und Mittelstädte und Dörfer, die sich alle neu aufstellen müssen, um auf Kernfragen antworten zu können: Klimawandel, gesellschaftlicher Wandel, wirtschaftliche Innovation. Die Rolle von räumlicher Gestaltung für die Zukunft der Stadt und in den dafür zu organisierenden Prozessen, sind neu zu fassen. Damit sind natürlich Fragen, wie die Zukunftsorientierung städtebaulicher Instrumentarien und ihrer Anwendung, die Ausrichtung von Förderprogrammen sowie verstärkte Kompetenzen in Prozessgestaltung, Kommunikation, Beteiligung und interdisziplinärer Anknüpfung zu verbinden.

Sind die Planer*innen für die Zukunftsgestaltung überhaupt relevant? Welche Handlungsfelder müssen fokussiert werden, um eine bedeutsame Rolle innerhalb unserer Gesellschaft zu spielen?

Auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Orts- und Regionalentwicklung in peripheren Räumen, neue Arbeits- und Lebensmodelle im Kontext von Digitalisierung, kreative Nutzung von Kulturerbe, Green Economy, neue Netzwerke auf dem Land…

Wird der Nachwuchs auf die Herausforderungen der Zukunft gut vorbereitet?

Die Architekturstudiengänge in Hannover sind regelmäßig an der Spitze des CHE­Rankings, unsere Absolvierenden finden schnelI und gute Arbeitsmöglichkeiten. Aber wie sichern wir diese Position, wie geben wir ihr eine noch deutlichere Zukunftsausrichtung? Wir möchten viel stärker nutzen, dass die Fakultät aus den Bereichen Architektur und Landschaftsarchitektur/Umweltplanung besteht. Die Kooperation mit weiteren Fakultäten und außerhalb der Universität, mit Städten, Organisationen etc., wollen wir ausbauen, und uns – auch international – mit Zukunftsthemen positionieren. Für die Sichtbarkeit und neue Anknüpfungen soll der fakultätsweite Forschungsschwerpunkt Habitate der Zukunft gezielt Zukunftsfragen ansprechen: Ausrichtung auf Nachhaltigkeit, Positionierung von räumlicher Gestaltung (neue Kompetenzen in Expertise und Prozessen), Digitalisierung.

>> Jan Brandt, Schriftsteller, Berlin

Was möchten Sie den Planer*innen aus Ihrer Perspektive mit auf den Weg geben?

Mehr Experimente wagen.

Kontakt
Dipl.-Geogr. Lars Menz
Hauptreferent
+49 511 28096-72

Die Diskussion

um die Zukunft des Berufsstandes, führt der gleichnamige Ausschuss:

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