Kammer regional

Kammer regional
Nah dran, gut vernetzt und immer im Austausch: Die regionale Arbeit der Architektenkammer Niedersachsen bringt die Kammer direkt zu ihren Mitgliedern vor Ort.
In acht niedersächsischen Regionen engagieren sich die Regionalbeauftragten als Ansprechpartner, Impulsgeber und Bindeglied zwischen Kammer und Berufsstand.
Mit vielfältigen Formaten wird dies lebendig gestaltet: Beim „Büro Lunch“ treffen sich Kolleginnen und Kollegen unkompliziert im Arbeitsalltag, während „Kammer vor Ort“ aktuelle Themen direkt in die Regionen bringt und den fachlichen Dialog stärkt.
Ob in Braunschweig, Göttingen, Lüneburg oder der Region Hannover: regelmäßige Netzwerktreffen, Exkursionen und Baustellenbesuche fördern den fachlichen Austausch und stärken die Gemeinschaft. Die regionalen Netzwerke “Klimaschutz und Baukultur” sind offen und interdisziplinär angelegt: Sie bieten Raum für Diskussionen der Kammermitglieder zu aktuellen Themen, für neue Kontakte und für den direkten Dialog mit Kolleginnen und Kollegen.
Kommunalwahl regional 2026: Was Kandidierende zu Planung und Baukultur sagen
Stadtentwicklung, Wohnen, Baukultur, Klimaanpassung und gute Planungsprozesse gehören zu den zentralen kommunalpolitischen Aufgaben der kommenden Jahre. Die Architektenkammer Niedersachsen hat Kandidatinnen und Kandidaten in Städten und Landkreisen gefragt, welche Ziele sie dabei verfolgen und welche Schwerpunkte sie setzen wollen.
Die Antworten finden Sie hier nach Regionen geordnet. Über die jeweiligen Kacheln gelangen Sie direkt zu den Stellungnahmen der Kandidierenden.
Lingen
1. Baukultur als Zukunftsaufgabe: Welche Bedeutung messen Sie qualitätsvoller Architektur, Stadtentwicklung, Freiraumplanung und Baukultur für die weitere Entwicklung Lingens bei?
Baukultur ist für mich mehr als die Gestaltung einzelner Gebäude. Sie prägt, wie wir unsere Stadt erleben, welche Identität sie hat und wie attraktiv sie für Menschen und Unternehmen ist. Gute Architektur, qualitätsvolle Freiräume und eine vorausschauende Stadtentwicklung sind für mich deshalb Standortfaktoren. Ich möchte Qualität, Machbarkeit, Tragfähigkeit und Funktion zusammenbringen: Lingen soll sich weiterentwickeln, ohne sein Gesicht zu verlieren.
2. Lingen 2035: Wie soll Lingen im Jahr 2035 aussehen? Welche drei Ziele möchten Sie bis dahin unbedingt erreicht haben?
Lingen soll 2035 eine wachsende, wirtschaftlich starke und zugleich lebenswerte Stadt sein. Drei Ziele sind für mich besonders wichtig:
Erstens: Wir sichern und entwickeln unseren Energie- und Wirtschaftsstandort weiter – mit Energie, Wasserstoff, Innovation und zukunftsorientierten Unternehmen.
Zweitens: Wir schaffen mehr Wohnraum für unterschiedliche Lebenssituationen – bezahlbar, qualitätsvoll und möglichst durch Innenentwicklung.
Drittens: Wir entwickeln eine klimafeste und lebenswerte Stadt mit starken Stadtteilen, einer attraktiven Innenstadt und hochwertigen öffentlichen Räumen.
Für mich gehören diese drei Dinge zusammen: wirtschaftliche Stärke, gutes Wohnen und hohe Lebensqualität.
3. Wohnen und Flächenentwicklung: Lingen wächst und benötigt Wohnraum. Wie möchten Sie diesen Bedarf decken und zugleich Innenentwicklung, sparsamen Flächenverbrauch und hohe städtebauliche Qualität sicherstellen?
Lingen wächst – und das ist eine gute Nachricht. Dieses Wachstum müssen wir aber qualitätsvoll und verantwortungsvoll gestalten.
Für mich hat die Innenentwicklung Vorrang: Baulücken schließen, Nachverdichtung ermöglichen, vorhandene Grundstücke und Gebäude besser nutzen und geeignete Entwicklungsflächen aktivieren. Gleichzeitig werden wir dort neue Wohnbauflächen brauchen, wo der Bedarf anders nicht gedeckt werden kann.
Ein besonderer Schwerpunkt ist für mich mehr bezahlbarer und öffentlich geförderter Mietwohnraum. Dafür brauchen wir einen verbindlichen Handlungsrahmen, der soziale Wohnraumversorgung und städtebauliche Qualität zusammenbringt.
4. Bauen im Bestand: Welche Bedeutung messen Sie der Sanierung, Umnutzung und Weiterentwicklung bestehender Gebäude und Quartiere gegenüber dem Neubau auf bislang unbebauten Flächen bei?
Der Bestand bietet große Chancen. Sanierung, Umnutzung und Weiterentwicklung bestehender Gebäude und Quartiere können zusätzlichen Wohnraum schaffen, Ressourcen schonen und gewachsene Strukturen erhalten.
Deshalb möchte ich die Möglichkeiten der Bestandsentwicklung stärker nutzen und Hemmnisse abbauen.
Dabei gilt für mich nicht „Bestand um jeden Preis“, sondern: Erhalten, wenn es sinnvoll ist – weiterentwickeln oder neu bauen, wenn dadurch die bessere städtebauliche Lösung entsteht.
5. Klimaanpassung und Mobilität: Welche Prioritäten möchten Sie bei Klimaanpassung, Stadtgrün, nachhaltiger Mobilität und einer resilienten Infrastruktur setzen?
Klimaanpassung wird für Lingen eine immer wichtigere Aufgabe. Mehr Stadtgrün, Schatten, entsiegelte Flächen, ein guter Umgang mit Regenwasser und eine robuste Infrastruktur gehören für mich deshalb zu einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung.
Bei der Mobilität möchte ich Sicherheit und Erreichbarkeit zusammendenken – für Fußgänger, Radfahrer, den ÖPNV und den Autoverkehr. Besonders wichtig sind mir sichere Alltagswege zu Schulen, Arbeitsplätzen und in die Innenstadt.
Klimaschutz und wirtschaftliche Entwicklung sind für mich kein Gegensatz. Lingen hat mit seiner Energie- und Wasserstoffkompetenz die Chance, beides miteinander zu verbinden.
6. Zusammenarbeit mit der Architektenkammer Niedersachsen: Wie kann die Architektenkammer Niedersachsen Sie dabei unterstützen, Baukultur und qualitätsvolles Planen und Bauen in Lingen weiter zu stärken?
Ich wünsche mir einen frühen und kontinuierlichen Austausch mit der Architektenkammer – nicht erst, wenn ein konkretes Bauvorhaben auf dem Tisch liegt.
Ihre fachliche Kompetenz kann dazu beitragen, Wettbewerbe, Planungsverfahren und städtebauliche Prozesse weiterzuentwickeln. Gerade bei wichtigen Entwicklungsflächen sollten wir unterschiedliche Perspektiven frühzeitig zusammenbringen.
Gute Planung braucht Dialog – und am Ende klare Entscheidungen.
7. Wechsel an der Stadtspitze: Nach vielen Jahren unter demselben Oberbürgermeister treten Sie mit dem Anspruch an, neue Impulse zu setzen. Was würden Sie in der Stadtentwicklung anders machen – und welches konkrete Thema würden Sie in den ersten beiden Jahren Ihrer Amtszeit prioritär angehen?
Ich möchte nicht alles anders machen. Lingen ist eine starke Stadt. Aber eine starke Stadt sollte sich auch nicht auf dem Erreichten ausruhen.
Ich möchte Wirtschaftsentwicklung, Stadtentwicklung, Wohnungsbau und Digitalisierung stärker zusammendenken. Dafür bringe ich langjährige Führungs- und Verwaltungserfahrung aus anderen Städten mit.
In den ersten beiden Jahren würde ich einen Schwerpunkt auf Wohnraum und Flächenentwicklung legen: Wo können wir schneller und qualitätsvoll Wohnraum schaffen? Welche Flächen können wir besser nutzen? Und wie bekommen wir mehr bezahlbaren Wohnraum in die Stadt?
Mein Anspruch wäre, aus guten Konzepten schneller sichtbare Umsetzung zu machen.
8. Wachstum ohne Flächenfraß: Lingen ist ein attraktiver Wohn- und Wirtschaftsstandort. Wachstum erzeugt jedoch zusätzlichen Flächenbedarf. Wie möchten Sie Innenentwicklung, Nachverdichtung und die Aktivierung vorhandener Gebäude und Grundstücke stärken, bevor weitere Flächen am Stadtrand in Anspruch genommen werden?
Neue Flächen dürfen nicht die erste, sondern müssen die gut begründete Option sein.
Bevor wir am Stadtrand neue Flächen entwickeln, sollten wir systematisch prüfen, was innerhalb der bestehenden Stadt möglich ist: Baulücken, Nachverdichtung, ungenutzte Grundstücke, Umnutzung von Gebäuden und bereits erschlossene Entwicklungsflächen.
Aber Innenentwicklung darf nicht bedeuten, jeden freien Quadratmeter zu bebauen. Wir brauchen eine gute Balance aus Wohnen, Arbeiten, Grün, Freiräumen und Aufenthaltsqualität.
9. Wirtschaftsstandort braucht Stadtqualität: Unternehmen konkurrieren um Fachkräfte – und damit gewinnen Wohnqualität, attraktive öffentliche Räume, Mobilität und kulturelle Angebote an Bedeutung. Welche Rolle spielt für Sie Baukultur als Standortfaktor, und wie möchten Sie wirtschaftliche Entwicklung und qualitätsvolle Stadtentwicklung miteinander verbinden?
Baukultur ist auch Standortpolitik. Unternehmen konkurrieren um Fachkräfte – und für diese zählt nicht nur der Arbeitsplatz, sondern auch das Umfeld, in dem sie leben.
Deshalb gehören für mich attraktive öffentliche Räume, gute Wohnangebote, Mobilität, Kultur, Freizeit und eine lebendige Innenstadt ebenso zur Standortpolitik wie Gewerbeflächen und Infrastruktur.
Lingen ist wirtschaftlich stark. Die Aufgabe ist deshalb nicht, diese Stärke zu „retten“, sondern die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sie auch künftig trägt und weiter wachsen kann.
10. Verwaltung als Möglichmacher: Planende, Bauherrschaften und Unternehmen erwarten transparente, verlässliche und möglichst zügige Verfahren. Wo sehen Sie konkreten Veränderungsbedarf in der Lingener Verwaltung und wie möchten Sie Planungs- und Genehmigungsprozesse beschleunigen, ohne die Qualität der Ergebnisse zu schwächen?
Eine leistungsfähige Verwaltung ist selbst ein Standortfaktor. Unternehmen, Investoren und Bürger erwarten klare Ansprechpartner, transparente Verfahren und verlässliche Entscheidungen.
Aus meiner heutigen Verantwortung weiß ich, wie wichtig es ist, Verwaltung konsequent aus Sicht derjenigen zu denken, die mit ihr arbeiten: klare Zuständigkeiten, weniger Schnittstellen, digitale und effiziente Prozesse und eine stärkere Serviceorientierung.
Diesen Ansatz haben wir in Wolfsburg unter anderem mit dem10-Punkte-Plan für eine starke Wirtschaft verfolgt. Diese Erfahrung möchte ich für Lingen nutzen.
Eine moderne Verwaltung muss rechtssicher und verlässlich arbeiten – aber sie muss zugleich Möglichmacher sein. Mein Anspruch ist, aus guten Konzepten schneller sichtbare Umsetzung zu machen.
Last but not least: Wenn wir uns fünf Jahre nach Ihrer Wahl wieder treffen: An welchem konkreten Ort in Lingen sollen die Bürgerinnen und Bürger am deutlichsten erkennen können, dass der Wechsel an der Stadtspitze auch einen neuen Impuls für die Stadtentwicklung gebracht hat – und was soll dort anders sein als heute?
Ich würde gerne fünf Jahre später gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern durch die Innenstadt und den Bereich Alter Hafen inkl. Mittelinsel gehen.
Dort sollte sichtbar sein, dass wir Stadtentwicklung stärker aus einem Guss gedacht haben: mehr Aufenthaltsqualität, eine gute Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Handel und Freizeit, attraktive öffentliche Räume und eine stärkere Verbindung zum Wasser.
Für mich wäre das ein sichtbares Zeichen dafür, dass sich Lingen weiterentwickelt hat, ohne seine Identität zu verlieren. Genau das verstehe ich unter „Gemeinsam Zukunft machen“: nicht nur einzelne Projekte umzusetzen, sondern unsere Stadt Schritt für Schritt nachhaltig weiterzuentwickeln.
Landkreis Goslar
1. Baukultur als Standortfaktor
Gute Architektur ist kein Luxus, den man sich gönnt, wenn das Geld übrig ist. Sie entscheidet mit darüber, ob Menschen an einem Ort bleiben und ob Unternehmen investieren. In Seesen sehe ich das aktuell an zwei Projekten: der Sanierung der Marktstraße und der Planung für den Bahnhofsvorplatz, der noch nicht gebaut ist. Wie groß der Unterschied sein kann, zeigt bereits das Bahnhofsgebäude selbst. Durch die private Sanierung hat sich der Gesamteindruck des Bahnhofs spürbar verbessert. Es geht dabei nicht um reine Verschönerung, sondern darum, ob eine Innenstadt als funktionierende Mitte wahrgenommen wird. Orte, die gestaltet wirken, werden von Bewohnern und Investoren anders behandelt. Für den Landkreis bedeutet das: Mit dem Welterbe, den historischen Ortskernen und der Harzlandschaft verfügen wir über ein bauliches Kapital, das kein anderer Standort einfach kopieren kann. Wer es beschädigt, vernichtet Werte, die nicht wiederherzustellen sind.
2. Landkreis Goslar 2035
Drei Ziele, an denen ich mich messen lassen will:
Erstens: Der Landkreis soll Vorhaben ermöglichen, nicht ausbremsen. Klare Zuständigkeiten, verbindliche Zeitpläne und spürbar kürzere Verfahren dort, wo wir Einfluss haben.
Zweitens: Die ärztliche und pflegerische Versorgung muss auch in den kleineren Orten gesichert sein. Mit rund 13.500 Pflegebedürftigen und einem Anteil von 28,5 Prozent über 65 Jahren ist das eine zentrale Aufgabe. Gleichzeitig bietet sich die Chance, Telemedizin, altersgerechtes Wohnen und ambulante Angebote hier zu entwickeln und zu erproben, statt fertige Modelle später von außen zu übernehmen.
Drittens: Junge Menschen sollen hier Ausbildung und Arbeit finden. Bei 4.207 offenen Stellen und einer Arbeitslosenquote von 6,9 Prozent (Agentur für Arbeit, Juni 2026) gehört es zu den zentralen Aufgaben unserer Bildungs-, Ausbildungs- und Wirtschaftspolitik, Angebot und Nachfrage besser zusammenzubringen.
3. Wohnen und Flächenentwicklung
Ich halte nichts davon, den Widerspruch zwischen bezahlbarem Wohnraum und sparsamem Flächenverbrauch zu verschleiern. Beide Ziele stehen in Spannung zueinander. Wer das leugnet, meint eines von beiden nicht ernst.
Mein Ansatz folgt einer klaren Reihenfolge: zuerst der Bestand, dann die Innenentwicklung, dann neue Flächen. Der Landkreis verliert Einwohner – zuletzt 937 im Jahr 2024. Daraus folgt aber nicht, dass kein zusätzlicher Wohnraum benötigt würde. Es fehlen vor allem kleinere, barrierefreie und bezahlbare Wohnungen, während an anderen Stellen Häuser leer stehen. Wir haben kein reines Mengenproblem, sondern eines der Qualität, der Verteilung und der Modernisierung. Deshalb muss aktives, interkommunales Leerstandsmanagement vor jeder Neuausweisung stehen – nicht sieben getrennte kommunale Ansätze. Neue Baugebiete gehören dorthin, wo die Infrastruktur bereits vorhanden ist, nicht dorthin, wo gerade eine Fläche frei wird.
4. Bauen im Bestand
Der Bestand macht den größeren und schwierigeren Teil der Aufgabe aus. Sanierung verlangt mehr Planung, mehr Fachwissen und mehr Geduld als der Neubau auf der grünen Wiese. Bei den heutigen Baukosten ist sie ohne Förderung häufig nicht darstellbar.
In Seesen haben wir auf serielles Sanieren gesetzt und über Förderprogramme Mittel in die Ortskerne geholt. Dabei ist mir aufgefallen: Es scheitert selten am Willen der Eigentümer, sondern daran, dass der Weg durch Fördertöpfe und Nachweispflichten zu kompliziert ist. Genau hier müssen wir ansetzen – nicht mit einem weiteren Programm, sondern mit Leuten, die Antragsteller durch das Verfahren begleiten.
Ein verfallender historischer Ortskern kostet am Ende mehr als jede rechtzeitige Sanierung. Nur taucht dieser Schaden in keinem Haushalt auf.
5. Klimaanpassung und Infrastruktur
Ich priorisiere nach Wirkung, nicht nach Programmtiteln. Drei Bereiche stehen für mich vorn:
Die kommunale Wärmeplanung, weil sie entscheidet, ob Eigentümer in den kommenden Jahren richtig oder falsch investieren. Zuständig sind die Städte und Gemeinden. Der Landkreis kann jedoch koordinieren, Fachwissen bündeln und kleinere Kommunen unterstützen, damit die Planungen belastbar und rechtzeitig vorliegen.
Die Starkregenvorsorge, weil wir im Harz wissen, was Wasser in kurzer Zeit anrichten kann, und weil Vorsorge ein Vielfaches der späteren Schadensbeseitigung spart.
Die Mobilität, weil sie über vieles andere entscheidet. Straßen, Bus und Radwege sind keine reinen Kostenstellen, sondern Standortfaktoren. Kein Unternehmen investiert dort, wo Mitarbeiter und Waren schlecht hinkommen, und kein Jugendlicher bleibt in einem Ort, aus dem er abends nicht wegkommt. Infrastruktur will ich danach bewerten, was sie wirtschaftlich zurückbringt: Welche Verbindungen sichern Arbeitsplätze, erschließen Gewerbe und ermöglichen Ausbildung?
6. Zusammenarbeit
Offen gesagt: Die Architektenkammer wird im Landkreis Goslar zu selten einbezogen. Das liegt an uns, nicht an Ihnen.
Drei Dinge würde ich ändern. Erstens würde ich bei gewichtigen Vorhaben wieder ernsthaft über Wettbewerbe sprechen. Sie kosten zunächst, vermeiden aber teure Korrekturen später. Zweitens brauchen die kleinen Gemeinden Zugang zu Planungskompetenz, die sie sich allein nicht leisten können. Hier könnte die Kammer vermitteln. Drittens würde ich einen interkommunalen Gestaltungsbeirat zumindest ernsthaft prüfen – nicht als Verhinderungsinstanz, sondern als frühe Beratung, bevor Planungen so weit fortgeschritten sind, dass Kritik nur noch Streit auslöst.
Was ich dafür anbiete, ist Verlässlichkeit: klare Ansprechpartner und Entscheidungen in vertretbarer Zeit.
7. Vom Bürgermeister zum Landrat
Ich weiß, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite zu sitzen. Als Bürgermeister habe ich Vorhaben angemeldet und dann gewartet, ohne zu erfahren, woran es hängt und wie lange es dauert. Diese Erfahrung nehme ich mit.
Drei Dinge würde ich ändern:
Einen festen Verfahrenslotsen je Vorhaben. Er begleitet das Projekt von der ersten Beratung bis zur Entscheidung und koordiniert die beteiligten Stellen. Die gesetzlichen Zuständigkeiten der Fachämter bleiben unberührt, aber der Bauherr hat einen Namen und eine Nummer statt fünf Ämter nacheinander.
Vollständigkeit der Unterlagen vorab klären. Es muss möglich sein, online zu prüfen, ob die Antragsunterlagen komplett sind, bevor Monate vergehen und dann nachgefordert wird.
Und drittens die Haltung: Der Landkreis ist gegenüber den sieben Städten und Gemeinden Koordinator, nicht nur Aufsichtsbehörde. Wir sind gemeinsam für dieselben Menschen zuständig.
8. Gemeinsam den Harz entwickeln
Interkommunale Zusammenarbeit scheitert selten am Willen, sondern daran, dass sie zusätzliche Arbeit macht und der Nutzen erst später sichtbar wird.
Deshalb würde ich dort beginnen, wo der Vorteil sofort spürbar ist, z.B. bei Beschaffung, IT, Energieverträgen und Fördermitteln. Sieben Gemeinden und der Landkreis, die gemeinsam einkaufen und gemeinsam Anträge stellen, sind stärker als acht, die es einzeln versuchen. Fördermittel gehen uns nicht verloren, weil niemand sie will, sondern weil kleine Verwaltungen die Antragslast nicht stemmen.
Beim Tourismus liegt das Konzept bereits vor. Das Touristische Zukunftskonzept Harz 2035, die Fortschreibung von Harz 2025, nennt die Verlängerung der Aufenthaltsdauer ausdrücklich als Ziel. Es liegt als Entwurf vor, der Beschluss ist für November 2026 vorgesehen. Und es beschreibt unser Problem präzise: Die Gäste kommen häufiger – 1,3 Prozent mehr Ankünfte als 2019 –, bleiben aber kürzer, 3,1 statt 3,4 Nächte (Harz Fact Sheet 2025). Uns fehlt nicht das Konzept, sondern die Umsetzung.
9. Welterbe als Zukunftschance
Das UNESCO-Welterbe mit seinen drei Bestandteilen – Bergwerk Rammelsberg, Altstadt Goslar und Oberharzer Wasserwirtschaft – ist ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem wir wirtschaftlich noch nicht gut genug umgehen. Aktuell trägt es noch zu wenig zur Entwicklung bei.
Der Schlüssel liegt für mich nicht in mehr Besuchern, sondern in mehr Wertschöpfung je Besucher. Die Harzregion insgesamt, also über die Landesgrenze hinweg, zählt rund acht Millionen Übernachtungen und 2,3 Milliarden Euro Umsatz im Jahr (Harzer Tourismusverband, 2024). Entscheidend ist, wieviel davon in unserer Region bleibt: längere Saison und Aufenthaltsdauer, regionale Lieferketten, lokale Produkte und Dienstleistungen.
Der Schutz des Bestands ist dabei die Voraussetzung, nicht der Gegensatz. Wer das Welterbe für kurzfristige Nutzung beschädigt, verliert genau das Kapital, von dem er leben will. Das lässt sich vereinbaren, wenn früh und qualifiziert geplant wird – und genau deshalb brauchen wir dabei die planenden Berufe.
10. Prioritäten für die nächsten Jahre
Ich beginne bewusst mit den Zahlen, weil alles andere unseriös wäre.
Der Kreishaushalt 2026 umfasst rund 396,5 Millionen Euro Aufwendungen bei einem Fehlbedarf von 15,8 Millionen. Allein 210,5 Millionen sind Transferaufwendungen. Die freiwilligen Leistungen, über die in Haushaltsdebatten am längsten gestritten wird, machen zusammen rund 4,4 Millionen aus – also 1,1 Prozent. Wer dort kürzt, hat noch nichts saniert. Und wir sind kein Einzelfall: Nach Angaben des Niedersächsischen Landkreistages kann für 2026 kein einziger Landkreis und auch nicht die Region Hannover einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen. Das strukturelle Defizit summiert sich landesweit auf rund 1,365 Milliarden Euro.
Meine Kriterien für Investitionen sind deshalb:
Erstens Pflichtaufgaben und Sicherheit – dazu gehören Schulen und Rettungsdienst.
Zweitens alles, was Folgekosten vermeidet. Eine aufgeschobene Sanierung wird nicht billiger, und eine frühe Hilfe ist günstiger als der Heimplatz, den sie verhindert.
Drittens Investitionen, die wirtschaftlich etwas zurückbringen, weil sie Arbeitsplätze halten oder ermöglichen.
Was ich nicht tun werde: bei Schulen und beruflicher Bildung zuerst zu kürzen. Sie sind unsere wichtigste wirtschaftliche Infrastruktur. Wer heute gut ausgebildet wird, ist morgen die Fachkraft, die unsere Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen brauchen.