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„Wohnen in der Kirche – Umbau der denkmalgeschützten Gerhard Uhlhornkirche für studentisches Wohnen“, Hannover

URTEIL DER JURY

Wo einst die Orgel spielte, ist eine Gemeinschaftsküche. Und wo Menschen in Kirchenbänken saßen, öffnen sich jetzt Zimmertüren. In Hannovers Stadtteil Linden beherbergt die frühere evangelische Gerhard Uhlhornkirche jetzt studentisches Wohnen. Die sensible Nachnutzung im Einvernehmen mit der ehemaligen Kirchengemeinde ist mindestens in Deutschland einmalig und nachahmenswert. Gelungen ist der Erhalt von stadtbild-/quartierprägender symbolhafter Architektur und die Schaffung dringend benötigten Wohnraums. Zusätzlich zur studentischen Nutzung mit 34 Wohneinheiten beleben vier wohnraumgeförderte Appartements die Nutzungsvielfalt.

Das mutige Umbauprojekt bewegt sich stetig im Spannungsfeld von Bauphysik, Denkmalpflege, Brandschutz und Statik. Die denkmalgeschützte Außenhülle blieb bis auf neue Dachfenster, einige Lichtöffnungen an der Fassade – beispielsweise für Loggien – und zwei Treppen im Inneren unverändert. Dort eine Wärmedämmung aufzubringen, verbot sich von selbst. Die Lösung ist ein Haus im Haus. Ein zweigeschossiger, schall- und wärmegedämmter Block wurde in die Kirchenhülle wie eine Schachtel hineingesetzt.

Die beiderseits vom (früheren) Mittelgang abgehenden Wohnräume für die Studierenden sind betont schlicht und lassen die frühere Nutzung erahnen. Zudem gibt es reichlich Flächen zur gemeinschaftlichen Nutzung.

Die weiterhin sakrale Anmutung des Gebäudekörpers mit seinem steil geneigten Dach wirkt geradezu beschützend. Im Innenraum bricht sich das Licht durch die Buntglasfenster des Bestandsgebäudes und wirft farbige Lichteffekte auf die weißen Flurwände.

Nachhaltigkeit durch sensible Nachnutzung als Motto ist überall greifbar. Was zu erhalten war, blieb erhalten – darunter die alten Kirchenbänke, jetzt Sitzgelegenheiten an einer zwölf Meter langen Tafel aus Eichenholz. Christliche Symbole wie das Kreuz und der Altar verblieben im Gebäude, wurden entweiht, sind aber weiterhin zurückhaltend präsent.

Der Umbau der Gerhard Uhlhornkirche zeugt von einem gelungenen Miteinander von neuer Nutzung, Würde des Baukörpers, Sensibilität der Nutzungshistorie und Denkmalschutz. Hier ist sie erlebbar, die architektonische, die klimaschützende und die soziale Nachhaltigkeit.

STÄDTEBAULICHE MERKMALE

Die denkmalgeschützte Gerhard Uhlhornkirche von Reinhard Riemerschmid aus dem Jahr 1963 wurde 2012 entwidmet und dann zu Wohnungen umgebaut.

GESTALTUNGSMERKMALE

4 m hoher Fassadensockel aus Fertigbetonteilen mit Verbundglasfenstern, steil geneigtes Kupferdach.

NUTZUNGSMERKMALE

Umbau einer Kirche zu Wohnungen für 34 Studierende. Wohnflächen von 13,5 bis 46,5 qm, 500 qm unbeheizte Gemeinschaftsfläche. Vier wohnraumgeförderte Apartments unterhalb des Kirchenraumes. Die ehemalige Orgelempore ist Gemeinschaftsküche. „[…] das Miteinander der alten Konstruktion und der neuen Eingriffe ist überall im Gebäude ablesbar. Die Zimmer und Gemeinschaftsküchen sind als Haus im Haus Prinzip wärmegedämmt in die Hülle gebaut. Der großzügige Zwischenraum des Kirchenschiffs dient als Wetterhülle und ungedämmter Übergangsraum.“ (aus den Erläuterungen der Entwurfsverfasser).

IDENTITÄT

Studentenwohnen in der Kirche – Haus in der Kirche.

ADRESSE

Salzmannstraße 4, 30451 Hannover

BAUHERRIN

Dr. Meinhof und Felsmann GBS GmbH & Co. KG, Hannover

ENTWURFSVERFASSER

pfitzner moorkens architekten PartG mbB, Hannover

WEITERE BETEILIGTE

Architekt Dipl.-Ing. Sven Meinhof (Bauleitung)

FERTIGSTELLUNG

September 2019

FOTOS

Frank Aussieker