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Einfacher, schneller, günstiger? Gute Planung bleibt der Schlüssel

| Kammer aktuell

Bauen lässt sich beschleunigen, es geht auch günstiger und einfacher. Eine sorgfältige Planung ist aber trotzdem oder gerade darum erforderlich. Dies war der Schwerpunkt des 20. Symposiums zur Förderung der Baukultur in Niedersachsen. Projekte aus Osnabrück, Hamburg, Berlin und Mannheim, kommunale Erfahrungen mit dem Bauturbo und eine intensive Schlussdiskussion zeigten, wo Vereinfachung helfen kann und wo sie neue Probleme schafft. Mit 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war das Symposium erneut ausgebucht.

Foto: Kai-Uwe Knoth

„Einfacher, schneller, günstiger?“ lautete die bewusst zugespitzte Frage des diesjährigen Baukultursymposiums. Denn der politische und wirtschaftliche Druck auf das Bauen ist hoch. Verfahren sollen kürzer, Standards schlanker, Projekte bezahlbarer werden. 

Kammerpräsident Robert Marlow formulierte es zu Beginn so: Gute Planung sei kein Luxus für entspannte Zeiten. Sie könne Konflikte früh erkennen, Fehlentscheidungen vermeiden und Akzeptanz schaffen. Auch Niedersachsens Wirtschafts- und Bauminister Grant Hendrik Tonne stellte Beschleunigung und Qualität nicht als Gegensatz dar. Mit Umbauordnung, Genehmigungsfiktion, erweiterten Verfahrensfreiheiten und digitalisierten Bauanträgen habe das Land bewusst Verantwortung auf die Planenden verlagert. Sein Satz „Der Staat lässt los“ zog sich deshalb als Bezugspunkt durch den Tag.

Weniger Regeln heißt mehr Verantwortung

Was ein solcher Paradigmenwechsel verlangt, machte Monika Thomas deutlich. Die Präsidentin der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL) und ehemalige Stadtbaurätin Wolfsburgs richtete den Blick hinter die Debatte um Normen und Bürokratie. Wer Regeln infrage stelle, müsse zunächst klären, welche Werte durch sie geschützt werden sollen. Fairness im Wettbewerb, nachhaltige Qualität, Partizipation und demokratische Verfahren dürften beim notwendigen Reformprozess nicht unter die Räder geraten. Damit verschob sich die Diskussion weg von der bloßen Zahl der Vorschriften. Entscheidend wurde die Frage, wie viel Entscheidungskompetenz und Verantwortung Planende, Verwaltungen und Bauherrschaften übernehmen können und welche Kultur der Zusammenarbeit dafür nötig ist. Weniger staatliche Kontrolle funktioniert nur, wenn Fachlichkeit anerkannt wird und Entscheidungen auch tatsächlich getroffen werden dürfen.

Der Bauturbo: Spielraum ist noch keine Beschleunigung

Besonders deutlich wird diese Frage am Bauturbo. Leon Beck, Vorstandsvorsitzender von Architects for Future, setzte schon bei der Ausgangsdiagnose an. Nicht jedes Problem des Wohnungsbaus sei ein Genehmigungsproblem. Entscheidend sei am Ende, wann nutzbarer Raum zur Verfügung stehe. Damit müsse auch der Bestand stärker in den Blick genommen werden. Beck plädierte dafür, Wirtschaftlichkeit nicht nur über unmittelbare Baukosten zu definieren. Klimafolgekosten und die im Bestand gebundenen grauen Emissionen gehörten ebenfalls in die Rechnung.

Mit der Initiative „Bauturbo Kommunal“ will Architects for Future, gemeinsam mit der Bundesarchitektenkammer, insbesondere kleineren Städten und Gemeinden eine Orientierung für den Umgang mit den neuen Möglichkeiten geben. Ein Muster für kommunale Leitlinien soll helfen, vor der Entscheidung über einzelne Vorhaben zu klären, welche Ziele gelten sollen: Wo ist Nachverdichtung sinnvoll? Welche Dichten sind angemessen? Wie werden bezahlbarer Wohnraum, Stadtklima und Qualität berücksichtigt?

Frank Schlegelmilch, Partner des Bremer Büros BPW Stadtplanung, zeigte am Beispiel Ritterhude, wie Leitlinien konkret aussehen können. Dort wurden räumlich differenzierte Kriterien entwickelt, um Verdichtung zu ermöglichen und zugleich bestehende Qualitäten zu sichern. Jüngere Bebauungspläne sollen nicht kurzerhand ausgehebelt, Gewerbegebiete vor schleichender Umwandlung geschützt werden. Auch Freiraumqualitäten fließen in die Beurteilung ein.

Die neuen gesetzlichen Möglichkeiten ersetzen keine städtebauliche Haltung. Wer im Einzelfall vom geltenden Planungsrecht abweichen will, braucht eine Vorstellung davon, wohin sich ein Quartier entwickeln soll. Denn aus vielen einzelnen Ausnahmen kann schrittweise eine neue städtebauliche Realität entstehen.

Wie schwierig die Anwendung in der Praxis sein kann, berichtete Maike Klesen, Fachbereichsleiterin Stadtentwicklung der Stadt Gifhorn. Dort möchte die Kommunalpolitik in jedem Einzelfall über die Anwendung des Bauturbos entscheiden. Vorgeschaltet sind informelle Gespräche mit den Bauwilligen. Das schafft politische Kontrolle, führt aber zu einer neuen Unsicherheit: Planungen müssen zunächst konkretisiert werden, obwohl die Zustimmung noch offen ist. Nach mehreren Anfragen sei die Zahl tatsächlich eingereichter Vorhaben bislang gering geblieben. Klesens Bilanz für Gifhorn fiel deshalb zurückhaltend aus: Ein Instrument zur Beschleunigung beschleunigt nicht automatisch.

Planungshoheit braucht Entscheidungen

Diese unterschiedlichen Erfahrungen bestimmte auch die anschließende Podiumsdiskussion. Dr. Jan Arning, Hauptgeschäftsführer des Niedersächsischen Städtetages, betonte die kommunale Planungshoheit. Dass Gemeinden mit den neuen Möglichkeiten unterschiedlich umgehen, sei kein Fehler des Systems, sondern Ausdruck kommunaler Selbstverwaltung.

Christoph Schild, Vizepräsident der Architektenkammer Niedersachsen, warnte zugleich vor überzogenen Erwartungen an den Begriff „Bauturbo“. Interessanter als das Versprechen eines schnellen Verfahrens könne sein, was das Instrument in den Kommunen auslöse. Ritterhude habe die neuen Regelungen zum Anlass genommen, das eigene Gemeindegebiet systematisch auf Entwicklungsmöglichkeiten zu untersuchen. Darin liege möglicherweise ein produktiver Impuls: bestehende Planwerke, alte Bebauungspläne und eingeübte Verfahren neu zu betrachten.

Monika Thomas knüpfte daran an. Auch wenn sie eine grundlegendere Reform des Baugesetzbuches für überzeugender gehalten hätte, könne die aktuelle Debatte zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit Planung führen. Sie rückte dabei auch die Bodenpolitik in den Blick. Arning verwies auf die Grenzen kommunaler Handlungsmöglichkeiten: Städte und Gemeinden können gestalten, verfügen aber vielerorts weder über unbegrenzte finanzielle Mittel noch über ausreichend Personal.

Qualität entsteht nicht erst im Genehmigungsverfahren

Dass Baukultur weit mehr umfasst als die Frage, wie schnell ein Verfahren abgeschlossen wird, zeigten die Projektbeispiele des Symposiums.

Beim Osnabrücker LokViertel stellte Stadtbaurat Thimo Weitemeier die Entwicklung eines ehemaligen Bahnareals vor, bei der städtebauliche Qualität ausdrücklich als Standortfaktor verstanden wird. Das Hamburger Pergolenviertel wiederum zeigte, welchen Stellenwert kontinuierlicher Dialog haben kann. Hans-Peter Boltres berichtete von einem über Jahre arbeitenden Forum, in dem Kleingärtnerinnen und Kleingärtner, Stadtteilöffentlichkeit, Politik, soziale Einrichtungen und Wohnungswirtschaft vertreten waren. Das Gremium begleitete Wettbewerb, Planung, Vergabe und Umsetzung. Heute umfasst das Quartier knapp 1.700 Wohnungen bei 22 Bauherrschaften, darunter Genossenschaften und Baugemeinschaften. Jan Löhrs, geschäftsführender Gesellschafter von Spine Architects, ergänzte die Perspektive aus der konkreten Architektur- und Baugruppenplanung.

Solche Prozesse brauchen Zeit. Sie können aber spätere Konflikte vermeiden und die Qualität eines Quartiers langfristig sichern. Genau darin lag eine der wiederkehrenden Aussagen des Tages: Planungszeit ist nicht automatisch verlorene Zeit.

Einfacher bauen, aber genauer hinschauen

Den Schlusspunkt setzte Vera Hartmann, Director + Partner bei sauerbruch hutton. Ihre Projekte zeigten unterschiedliche Wege, mit Ressourcen, Standards und Konstruktionen umzugehen.

Beim Bürogebäude für Bundesbehörden, dem temporären Bundespräsidialamt in Berlin, kommt eine modulare Holzbauweise zum Einsatz. Die Bürobereiche werden weitgehend vorgefertigt, während die repräsentativen Räume eine andere konstruktive Lösung erhalten. Hartmann zeigte, dass rationelle Bauweisen und architektonischer Ausdruck keine Gegensätze sein müssen.

Beim Franklin-Village Mannheim ging es um Wohnungsgrößen, gemeinschaftliche Flächen, Assistenzangebote und Laubengänge als Erschließungs- und Begegnungsräume. Vereinfachung kann hier sehr konkret bedeuten, Grundrisse effizienter zu organisieren, technische Lösungen zu hinterfragen oder auf Aufwand zu verzichten, wenn er keinen entsprechenden Nutzen bringt.

Wie anspruchsvoll der nächste Schritt sein kann, zeigte der Holz-Lehm-Campus in Berlin-Weißensee, ein Forschungsprojekt und Reallabor für zirkuläres, ressourcenschonendes und einfaches Bauen. Bestehende Garagen werden weitergebaut, Materialien wie Holz und Lehm eingesetzt und selbst Teile vorhandener Betonbodenplatten wiederverwendet. Konstruktionen wurden auf Rückbaubarkeit, CO2-Wirkung, Zirkularität und Baubiologie untersucht. Die Wiederverwendung erwies sich dabei nicht automatisch als billiger oder schneller. Sie brauchte zusätzlichen Planungsaufwand. Gerade deshalb zeigte das Projekt sehr anschaulich, welche wirtschaftlichen und regulatorischen Bedingungen sich verändern müssen, wenn Kreislaufwirtschaft zum Normalfall werden soll.

Am Ende stand kein Patentrezept für einfacheres, schnelleres und günstigeres Bauen. Dafür wurden die Voraussetzungen klarer. Gesetzliche Spielräume können helfen. Sie brauchen aber kommunale Ziele, fachliche Kompetenz, belastbare Entscheidungen und Auftraggeber, die Verantwortung mittragen. Vereinfachung ist dort überzeugend, wo sie unnötigen Aufwand reduziert. Sie wird problematisch, wenn mit dem Aufwand zugleich die Planung verschwindet.

Die intensive Diskussion im Saal und die vielen Gespräche am Rand zeigten, wie unmittelbar diese Fragen derzeit die Planungspraxis beschäftigen und was jetzt gebraucht wird: Mehr Mut für gute Planung! 

Einige Vorträge des Tages finden Sie hier: https://www.aknds.de/aktuelles/veranstaltungen/symposium-zur-baukultur 

Kontakt
Marlies John
Assistentin und Sachbearbeiterin
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Architektin Dipl.-Ing. Susanne de Vries
Referentin
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