Einfach bauen – Klarheit statt Komplexität
Sebastian Cordes - denkmalstadt GmbH
Einfaches Bauen funktioniert langfristig nur, wenn auch die Nutzung eine entsprechende Robustheit mitträgt. Komfort wird dabei weniger technisch erzeugt, sondern stärker architektonisch gedacht.
Wir von der denkmalstadt GmbH stehen als Quartiers- und Projektentwickler aktuell vor grundlegenden Herausforderungen in einem breiten Spektrum aus Quartiersentwicklung, Revitalisierung von Bestandsgebäuden, Denkmalschutz und Neubau.
Gleichzeitig müssen wir Antworten auf steigende Baukosten, ambitionierte Klimaziele und begrenzte Ressourcen finden. In diesem Spannungsfeld ist einfaches Bauen für uns kein Verzicht, sondern eine bewusste strategische Entscheidung, mit dem Ziel, Klarheit zu schaffen und unnötige Komplexität zu reduzieren.
Beweggründe: Warum einfach bauen?
Der Impuls, Häuser im Sinne des einfachen Bauens zu entwickeln, entsteht aus mehreren Richtungen zugleich. Insbesondere die dynamische Kostenentwicklung im Bauwesen, steigende regulatorische Anforderungen sowie ambitionierte Klimaziele haben dazu geführt, etablierte Planungsansätze grundsätzlich zu hinterfragen.
Für uns bedeutet das, den Fokus auf das Wesentliche zu richten. Welche Lösungen sind wirklich notwendig, wo entsteht Mehrwert und wo lediglich zusätzliche Komplexität, die keinen nachhaltigen Beitrag leistet.
Ein zentraler Bestandteil ist dabei die Frage der Energiegewinnung. Diese betrachten wir nicht isoliert auf Gebäudeebene, sondern im Kontext quartiersübergreifender Energiekonzepte. Erst diese Perspektive ermöglicht nachhaltige, wirtschaftlich tragfähige und zugleich klar strukturierte Lösungen.
Damit verbunden ist die grundlegende Frage, welchen Beitrag das Quartier leisten kann und welche Aufgaben sinnvollerweise in der Architektur selbst verortet werden müssen.
Die derzeit auf Länderebene geführte Auseinandersetzung mit dem einfachen Bauen erscheint für erste Erkenntnisgewinne im Sinne unterschiedlicher Reallabore hilfreich. Perspektivisch halten wir es jedoch für sinnvoll, diese Ansätze in ein übergeordnetes, bundesweites Format zu überführen, um Vergleichbarkeit, Skalierbarkeit und eine breitere Wirksamkeit zu gewährleisten.
Einfaches Bauen ist damit keine rein technische oder ästhetische Frage, sondern eine ökonomische, ökologische und gesellschaftliche Notwendigkeit.
Haltung und Qualität
Einfaches Bauen erfordert die Bereitschaft, etablierte Standards zu hinterfragen und als Bauherr Verantwortung und Haftung zu übernehmen, insbesondere dort, wo Regelwerke keine eindeutigen Antworten liefern. Ziel ist es, Komplexität nicht zu addieren, sondern bewusst zu ordnen und auf das notwendige Maß zu reduzieren.
Für uns als Bauherr bedeutet das, Entscheidungen nicht nach maximaler technischer Ausrüstung zu treffen, sondern nach Angemessenheit. Ziel sind robuste, langlebige und wirtschaftlich tragfähige Häuser.
Gleichzeitig ist für uns klar, dass unsere Häuser eine hohe gestalterische Qualität besitzen und ihrem städtebaulichen Kontext gerecht werden müssen. Einfaches Bauen darf nicht zu austauschbaren Lösungen führen. Gerade die Reduktion auf das Wesentliche erfordert eine bewusste und präzise Auseinandersetzung mit Form, Proportion und Materialität.
Diese Haltung muss sich konsequent durch alle Projektphasen ziehen.
Nutzung und Akzeptanz
Einfaches Bauen funktioniert langfristig nur, wenn auch die Nutzung eine entsprechende Robustheit mitträgt. Komfort wird dabei weniger technisch erzeugt, sondern stärker architektonisch gedacht. Tageslicht, Raumproportionen, Materialität und das klimatische Verhalten der Häuser gewinnen an Bedeutung.
Das setzt Offenheit und ein grundlegendes Verständnis auf Nutzerseite voraus.
Zukunftsfähigkeit und Rahmenbedingungen
Aus unserer Sicht ist einfaches Bauen kein Nischenansatz, sondern ein zentraler Baustein zukünftiger Stadtentwicklung. Grundsätzlich ist dieser Ansatz breit anwendbar, erfordert jedoch jeweils eine sorgfältige Abwägung im konkreten Kontext.
Gleichzeitig bestehen weiterhin Widerstände. Diese liegen häufig in bestehenden Regelwerken, in gewohnten Planungsprozessen sowie in einem Sicherheitsdenken bei Projektbeteiligten.
Ein wesentlicher Aspekt liegt zudem in der stetig wachsenden Überlagerung von Anforderungen an einzelne Bauteile. Am Beispiel des Daches wird dies besonders deutlich. Ursprünglich bestand seine Aufgabe darin, Witterungseinflüsse abzuhalten. Im Laufe der Zeit sind zahlreiche weitere Anforderungen hinzugekommen, etwa Dämmung der Gebäudehülle, Integration technischer Anlagen, Begrünung, Regenwasserrückhaltung sowie Energieerzeugung durch Photovoltaik.
Hier zeigt sich ein grundlegendes Spannungsfeld. Während wir auf der einen Seite nach Vereinfachung streben, erhöhen wir gleichzeitig die funktionalen Anforderungen an einzelne Bauteile erheblich. Hinzu kommen technische Lösungen aus der Industrie und komplexe Schnittstellen, die das Zusammenspiel dieser Funktionen nicht zwangsläufig einfacher machen. Auch Nachhaltigkeitszertifizierungen führen zu zusätzlichen Anforderungen und weiteren Ebenen der Komplexität.
Gerade an solchen Punkten wird deutlich, dass einfaches Bauen nicht mit einfachen Rahmenbedingungen gleichzusetzen ist.
Planung und Realität
Einfaches Bauen bedeutet nicht weniger, sondern anspruchsvollere Planung. Die Reduktion von Technik erfordert eine frühzeitige, präzise und integrale Abstimmung aller Disziplinen.
Aus unserer Praxis zeigt sich, dass die eigentliche Komplexität weniger im Bauen selbst als vielmehr in der Planung liegt. Bestehende Routinen, gestalterische Gewohnheiten sowie technische und rechtliche Anforderungen müssen hinterfragt und neu bewertet werden. Dieser Prozess ist abstimmungsintensiv und somit zeitaufwendig, aber notwendig.
Gleichzeitig fällt es Planern zunehmend schwer, verlässliche Routinen im Umgang mit technischen Vorschriften zu entwickeln, da sich diese in immer kürzeren Abständen weiterentwickeln. Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, sich stärker auf klar definierte Ziele zu konzentrieren, anstatt detaillierte Lösungswege vorzugeben. Dies kann dazu beitragen, Komplexität zu reduzieren und mehr Flexibilität in der Planung zu ermöglichen.
Perspektive von Finanzierungspartnern
In der Zusammenarbeit mit Finanzierungspartnern zeigt sich in unserer Praxis derzeit kein grundsätzlicher Widerspruch zum Ansatz des einfachen Bauens. Dies mag auch daran liegen, dass unsere Projekte in der Regel hohe Nachhaltigkeitsstandards erfüllen oder entsprechend zertifiziert sind und häufig in partnerschaftlichen Modellen umgesetzt werden.
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor liegt zudem in der frühen Einbindung ausführender Praxispartner in den Planungsprozess. Analog zu Vorgehensweisen im Holzbau haben wir uns angewöhnt, die Ausführungskompetenz bereits in frühen Phasen mitzudenken. Dadurch lassen sich Optimierungspotenziale frühzeitig identifizieren und planerische Entscheidungen fundierter treffen.
Gleichzeitig entsteht für die ausführenden Partner eine höhere Planungssicherheit, da sie das Projekt frühzeitig durchdringen. Dies reduziert Unsicherheiten und kann dazu beitragen, Risikozuschläge zu vermeiden.
Insgesamt zeigt sich, dass einfache, klar strukturierte und gut durchdachte Lösungen auch aus Finanzierungs- und Umsetzungsperspektive überzeugen können.
Abschließend lässt sich sagen, dass Einfaches Bauen kein kurzfristiger Trend ist, sondern eine Weiterentwicklung der Planungs- und Baukultur. Es steht für einen bewussteren Umgang mit Ressourcen, Anforderungen und Prozessen und schafft die Grundlage für klare, robuste und zukunftsfähige Architektur.
Als Bauherr sehen wir unsere Aufgabe darin, diesen Weg aktiv zu gestalten, gemeinsam mit allen Beteiligten, die bereit sind, gewohnte Denkweisen zu hinterfragen und neue Lösungen zu entwickeln.
Sebastian Cordes
Leiter Planung & Konstruktion
denkmalstadt GmbH