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Wie viel Technik braucht ein Haus?

| Kammer aktuell

Kammer-Cappuccino im März

Foto: AdobeStock

Gebäude brauchen nicht immer mehr Technik – oft brauchen sie vor allem bessere Architektur. Diese These stand im Mittelpunkt des Kammer-Cappuccinos im März. Kammerpräsident Robert Marlow sprach mit Prof. Dr. Angèle Tersluisen von der TU Berlin über Lowtech-Strategien in der Planung und darüber, wie sich Energiebedarf, Kosten und technische Komplexität reduzieren lassen. Tersluisen, die neben ihrer Professur auch bei der ee concept gmbh in Darmstadt tätig ist, arbeitet in vielen Projekten an Energiekonzepten für Gebäude. Ihr Ansatz beginnt nicht bei der Gebäudetechnik, sondern bei der Architektur. Ziel sei es, den Energiebedarf zunächst über Entwurf, Konstruktion und Materialwahl möglichst weit zu senken. „Wenn ein Gebäude wenig Energie braucht, braucht es später auch weniger Technik“. Dabei geht es um klassische, teilweise in Vergessenheit geratene Entwurfsprinzipien: Gebäudeausrichtung, Fensteranteile, Speichermasse oder die Organisation natürlicher Lüftung. Solche passiven Strategien bestimmten über Wärme, Kälte, Luft und Tageslicht – also über zentrale Faktoren des Gebäudebetriebs. In Projekten lasse sich der Energiebedarf dadurch deutlich reduzieren, zum Teil um rund 30 Prozent. Im Gespräch wurde deutlich, dass die starke Technisierung vieler Gebäude auch praktische Probleme mit sich bringt. Anlagen müssen regelmäßig gewartet, Sensoren kalibriert, Systeme eingestellt, Komponenten erneuert werden. Gleichzeitig fehlen immer häufiger Fachkräfte für Betrieb und Instandhaltung. Wenn Wartung ausbleibt, steigt der Energieverbrauch oft deutlich über die ursprünglich geplanten Werte. „Viele Gebäude funktionieren im Betrieb nicht so, wie sie geplant wurden“, sagte Tersluisen. 

Hinzu kommt die Nutzerperspektive. Komplexe Systeme werden nicht immer verstanden oder akzeptiert. Gerade im Gebäudemonitoring zeige sich, dass Technik häufig anders genutzt werde als vorgesehen. Wenn die Hausmeisterei wechselt oder ausfällt, kommt oftmals einiges durcheinander. 

Ein Beispiel aus der Praxis nannte Tersluisen mit dem Green Economy Center in Bremerhaven. In dem Projekt wurde im Planungsteam eine Entscheidungsvorlage entwickelt, in der verschiedene Varianten der Gebäudetechnik gegenübergestellt wurden – von Fensterlüftung bis zur vollständigen Klimatisierung. Bewertet wurden nicht nur Investitionskosten, sondern auch Lebenszykluskosten, Treibhausgasemissionen und funktionale Anforderungen. Solche gemeinsamen Entscheidungsgrundlagen könnten Diskussionen im Planungsteam versachlichen und Bauherren eine fundierte Abwägung ermöglichen.

Für die Planungspraxis sieht Tersluisen vor allem eine Herausforderung: Die entscheidenden Weichen für Lowtech-Konzepte werden sehr früh gestellt. Werden Bauphysik oder Energiekonzepte erst in späteren Leistungsphasen einbezogen, seien viele Möglichkeiten bereits verbaut. „Die größten Einsparpotenziale liegen im Vorentwurf“, betonte sie. 

Auch beim Komfort plädierte sie für eine differenziertere Betrachtung. Nicht jeder Raum und jedes Gebäude brauche denselben technischen Standard. Die Anforderungen hingen stark von Nutzung und Kontext ab. Ein Büro für ein Start-up lasse sich anders planen als etwa das Bundeskanzleramt, wo repräsentative Anforderungen und feste Kleidungsregeln eine größere Rolle spielten.

Lowtech bedeute deshalb nicht Verzicht, sondern eine bewusste Balance. Gebäude sollen weiterhin komfortabel und funktional sein – aber mit möglichst robuster, wartungsarmer Technik. Für Architektinnen und Architekten bedeutet das vor allem, die energetischen und bauphysikalischen Potenziale des Entwurfs stärker zu nutzen.

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Assistentin und Sachbearbeiterin
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Referentin
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