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Alt kann mehr, neu muss mehr können

| Kammer aktuell

Der Kammer-Cappuccino im April stellte die Frage, was passiert, wenn Wohnraum und Lebensphase nicht mehr zusammenpassen.

Foto: AdobeStock

19.500 Wohngebäude, 12.000 davon Ein- und Zweifamilienhäuser. In mehr als der Hälfte leben ein oder zwei Personen. Maik Lindemann, der Leiter des Fachbereichs Planung, Bauordnung und Vermessung der Stadt Göttingen hat diese Zahlen beim „Kammer-Cappuccino“ der Architektenkammer Niedersachsen am 2. April 2026 nicht als statistische Fußnote behandelt, sondern als planerischen Befund. Moderiert von der Regionalbeauftragten für die Region Südniedersachsen Heike Klankwarth ging es im April um das allzeit präsente Thema des Wohnraums, dieses Mal insbesondere darum was passiert, wenn sich die Lebensumstände ändern. 

Wer über Wohnraummangel spricht, landet schnell beim Neubau. Lindemann hat das nicht bestritten. In Göttingen werden Flächen entwickelt, Planungsrecht geschaffen, Verfahren betrieben. Nur: das reicht nicht. Oder genauer: es läuft ins Leere, wenn zwar Bauland vorhanden ist, aber kaum gebaut wird.

Göttingen arbeitet seit 2020 mit einer Wohnraumagentur. Klein besetzt, verwaltungsnah verortet, aber mit einem Auftrag, der weit über Aktenlage hinausgeht. Sie berät Eigentümerinnen und Eigentümer, spricht Quartiere direkt an, sammelt Daten, organisiert Erstgespräche, vermittelt architektonische Einschätzungen. Drei Stellen. Kein Großprojekt.

Interessant ist weniger die Konstruktion der Stelle als der Punkt, an dem sie ansetzt. Nicht beim Gebäude, jedenfalls nicht zuerst. Sondern bei den Lebensverläufen. Zu große Häuser, leer stehende Obergeschosse, nicht mehr genutzte Zimmer. Menschen, die bleiben wollen, aber anders wohnen könnten. Oder müssten.

Das klingt in der Debatte oft einfacher, als es in der Praxis ist. Niemand verlässt ein Einfamilienhaus, weil rechnerisch Fläche frei wird. Eigentum bindet. Gewohnheiten auch. Die Gespräche, von denen Lindemann berichtet, drehen sich deshalb nur am Rand um Wände, Türen, Bäder. Es geht um Nachbarschaft, um Verbleib im Quartier, um Schwellenangst vor Veränderung. Erst danach kommt der Umbau. Und anschließend wird es konkret. Teilung von Häusern. Einliegerwohnungen. Vermietung bislang ungenutzter Bereiche. Gemeinschaftliche Wohnformen im Alter. Mitunter auch der Umzug in eine kleinere Wohnung, sofern diese im vertrauten Umfeld überhaupt verfügbar ist. Die Stadt arbeitet dafür mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft zusammen. Frei werdender Wohnraum und neue Unterbringung werden zusammen gedacht. Sonst bewegt sich wenig.

Für Architektinnen und Architekten liegt die Sache nicht bei einer bloßen Umnutzungsaufgabe. Der Bestand verlangt andere Präzision. Weniger Typenlösung, mehr Lesen im Einzelfall. Was lässt sich abtrennen, ohne das Haus zu ruinieren? Was kann ergänzt werden? Wo endet die konstruktive Vernunft, wo beginnt der unverhältnismäßige Aufwand? Alt kann mehr, neu muss mehr können, sagt Lindemann. Darin steckt für die Planung genug Arbeit.

Denn auch der Neubau bleibt Thema. Nur eben nicht als Wiederholung bekannter Muster. Wenn Wohnbiografien brüchiger werden, Haushalte kleiner, Nutzungen wechselnder, dann taugen starre Grundrisse nur bedingt. 

Klankwarth hat an mehreren Stellen nach der Übertragbarkeit gefragt. Göttingen ist nicht ohne Weiteres auf andere Städte zu kopieren. Die Eigentumsstruktur, die kommunalen Instrumente, die Wohnungswirtschaft vor Ort, alles verschieden. Trotzdem lohnt der Blick auf die Arbeitsweise: datenbasiert, quartiersbezogen, mit direkter Ansprache statt bloßer Programmsprache.

Bemerkenswert war auch, was offen blieb. Bauordnungsrechtliche Erleichterungen existieren, werden aber offenbar kaum genutzt. Haftungsfragen stehen im Raum. Genehmigungsroutinen ebenso. Man kann das als Vollzugsproblem lesen. Oder als Hinweis darauf, dass politische Forderungen nach Vereinfachung auf Verwaltungsebene noch lange keine eingespielte Praxis ergeben.

Andere Kommunen arbeiten an ähnlichen Modellen, manche weiter, manche weniger. Netzwerke gibt es längst. Auch Forschungsprojekte. Bleibt die Frage, warum es so selten in Bewegung kommt. 

Kontakt
Marlies John
Assistentin und Sachbearbeiterin
+49 511 28096-35
Kontakt
Architektin Dipl.-Ing. Susanne de Vries
Referentin
+49 511 28096-60
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