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OLAF LIES
NIEDERSÄCHSISCHER MINISTER FÜR WIRTSCHAFT, VERKEHR, BAUEN UND DIGITALISIERUNG

In diesem Jahr wurde der Niedersächsische Staatspreis für Architektur bereits zum 15. Mal verliehen. Er geht auf eine Initiative des Niedersächsischen Landtages im Jahr 1996 zurück und ist die wichtigste Architekturauszeichnung des Landes. Alle zwei Jahre zeichnet das Land Niedersachsen Bauten aus, die wegweisend, innovativ und besonders qualitätsvoll sind.

Bei dem Wettbewerb geht es nicht nur um die reine Architektur. Der Preisträger überzeugte mit städtebaulichen und ästhetisch-gestalterischen Aspekten – und liefert Antworten zur Nachhaltigkeit. Mit flexiblen, innovativen und zukunftsfähigen Konzepten haben die Nominierten, die in die engere Auswahl gekommen sind, ihren Beitrag zum Klimaschutz geleistet und zur Aufwertung der Umgebung beigetragen. Genau das ist unser Ansatz in Niedersachsen: Innovative Projekte der Baukultur sind gefragt, um den veränderten Rahmenbedingungen Rechnung zu tragen.

Für Nachhaltiges Handeln stellt das Bauwesen mit der Inanspruchnahme von Ressourcen und Erzeugung von Emissionen einen wesentlichen Ansatzpunkt dar. Die Lebenszyklusbetrachtung von Gebäuden ist hierbei von großer Bedeutung. Durch die Verlängerung der Lebensdauer von bestehenden Gebäuden durch energetische Sanierungen, Umnutzungen oder Umbau können graue Energie, Emissionen, Rohstoffe und Bauabfälle eingespart werden und gleichzeitig baukulturelle Werte erhalten bleiben. Denn energetische Anforderungen und baukultureller Anspruch dürfen nicht konkurrierend nebeneinanderstehen, sondern sollten ein gemeinsames Ziel aller am Bau Beteiligten sein. 

Der Niedersächsische Staatspreis für Architektur 2024 stand unter dem Titel nachhaltiges Bauen für Wirtschaft und Arbeit und damit stand das Thema „Arbeiten“ im Fokus: Globalisierung, Digitalisierung, Vernetzung, Homeoffice und Demografischer Wandel sind die Megatrends. Sie verändern die Art und Weise, wie, wo und wann wir arbeiten tiefgreifend.

In Zeiten von Corona und Diskussionen um Klimaschutz und Nachhaltigkeit haben sich die Rahmenbedingungen in Wirtschaft und Arbeit deutlich verändert. Insbesondere die Pandemie beschleunigte Entwicklungen in der Arbeitswelt, die sich zuvor erst angedeutet hatten. Was heute aus dem Homeoffice aus bearbeitet wird, war vor wenigen Jahren noch Zukunftsmusik. Die Auswirkungen dieses transformatorischen Prozesses zeigen: Immer mehr Büroflächen liegen brach, der stationäre Handel sucht nach neuen Erfolgsrezepten, und in Handwerk und Industrie gehören intelligent vernetzten und flexiblen Fertigungen die Zukunft.

Neue Konzepte und innovative Projekte sind gefragt, um den veränderten Rahmenbedingungen und dem gesellschaftlichen Bewusstsein, Arbeits- und Lebenszeit in einer gesunden Balance zu halten, Rechnung zu tragen. Errichtung, Erhalt und Nutzung von Gebäuden sind in besonderer Weise mit dem Aspekt Klimaschutz verbunden.

Deshalb freue ich mich besonders über die zahlreichen Projekte, die aus Umbaumaßnahmen entstanden sind. Das Bauen im Bestand ist ein wesentlicher Punkt, um die Klimaziele zu erreichen. Die Umnutzung von Gebäuden und das Weiterbauen im Bestand sind wertvolle Lösungsansätze, die wir auch in Zukunft weiter intensivieren müssen. Denn im  Bestand steckt nicht nur graue, also ressourcenbezogene, sondern auch emotionale Energie: die Seele, der Charakter der Gebäude und ihre Geschichte.

Aber auch an den Neubau stellen wir im Sinne der Nachhaltigkeit besondere Anforderungen. Zunächst sind für Bauherrinnen und Bauherren ein kostengünstiger Bau, später jedoch die Betriebs- und Instandhaltungskosten von Bedeutung. Für die Nutzenden sind der Komfort und die Funktionalität wesentliche Faktoren, und für die Gesellschaft die Inanspruchnahme von Ressourcen und die Reduktion negativer Umweltwirkungen. Diese verschiedenen Anforderungen spiegeln die unterschiedlichen Interessenslagen der am Bau Beteiligten und der Gesellschaft wider.

Auch die Preisträgerinnen und Preisträger sowie die Nominierungen haben die Lebens- und Arbeitswelten von morgen bereits heute im Blick.

Eine erfreuliche Anzahl von 50 Wettbewerbsbeiträgen ist eingegangen. Die Vielfalt und Bandbreite der eingereichten Projekte ist beeindruckend. Von klassischen Verwaltungsgebäuden, Schul- bzw. Hochschuleinrichtungen bis Produktionsstätten war alles vertreten.

Das Siegerprojekt CIC – Coppenrath Innovation Centre in Osnabrück überzeugt mit seiner baulich wie inhaltlich modernen Idee und Umsetzung in städtebaulicher, architektonischer und nutzungsspezifischer Weise. Der historische Ringlokschuppen in der Nähe des Osnabrücker Bahnhofs bietet ein vielfältiges Raumangebot mit seinem ganz eigenen industriekulturellen Charme. Besonders die unkonventionellen Büroeinbauten aus Holz und die verschieden gestalteten Freiflächen haben eine einladende Wirkung und sind innovativ.

Und auch die vier weiteren Nominierungen, das Studierendenhaus der TU Braunschweig, der Neubau Rosink in Nordhorn, das Sartorius Forschungs- und Entwicklungsgebäude in Göttingen sowie das neue Bürogebäude von m + p. in Braunschweig, setzen nachhaltige Bauakzente, die beispielgebend für Niedersachsen und darüber hinaus sind. Die städtebaulichen Qualitäten, die Nachhaltigkeit und die Arbeitsatmosphäre sind integraler Bestandteil der qualitätvollen Gebäude.

Gemeinsam schaffen wir so die Voraussetzungen für eine zukunftsorientierte und gelebte Baukultur in Niedersachsen. 

Mein Dank gilt allen, die am Zustandekommen des Wettbewerbsergebnisses und der Dokumentation zum Staatspreis für Architektur 2024 beteiligt waren. Ich wünsche der Wanderausstellung zum Niedersächsischen Staatspreis für Architektur einen großen, öffentlichkeitswirksamen Erfolg.

ROBERT MARLOW
PRÄSIDENT DER ARCHITEKTENKAMMER NIEDERSACHSEN

Der Staatspreis für Architektur in Niedersachsen ist mehr als eine Auszeichnung – er ist ein kraftvolles Bekenntnis zu einer Baukultur, die Verantwortung übernimmt. Seit bald 30 Jahren würdigt die Auszeichnung die Leistungen von Architektinnen und Architekten aller vier Fachrichtungen sowie Bauherrinnen und Bauherren, die mit ihren Projekten Maßstäbe setzen. Im Mittelpunkt stehen nicht nur ästhetische und funktionale Aspekte, sondern vor allem eine nachhaltige, zukunftsorientierte Bauweise, die ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Anforderungen vereint.

2024 wurde der Staatspreis zum Thema „Nachhaltiges Bauen für Wirtschaft und Arbeit“ vergeben. Die Corona-Krise und der Fokus auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit haben Wirtschaft und Arbeitswelt stark verändert: Homeoffice und mobile Arbeitsplätze sind inzwischen Realität. Daneben steigt die Zahl leerstehender Büro- und Handelsflächen, für die neue Konzepte gesucht werden, und die Zukunft von Handwerk und Industrie liegt in intelligenten, vernetzten und flexiblen Produktionsmethoden. Es gibt also viele Bauaufgaben, die gute Lösungen brauchen und für die der  Staatspreis Impulse setzen will. Gefragt waren Neu-, Um- und Weiterbauten aus den privatwirtschaftlichen Bereichen Industrie, Gewerbe, Handel und Dienstleistungen sowie private und öffentliche Verwaltungsbauten, die flexible, innovative und zukunftsfähige Planungs- und Nutzungskonzepte aufweisen, ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten, zur Aufwertung ihrer Umgebung beitragen und in ihrer architektonischen und baukulturellen Qualität überzeugen.

90, 55, 40. Der Bau- und Gebäudesektor in Deutschland verursacht 90 Prozent des Rohstoffverbrauchs, 55 Prozent aller Abfälle und 40 Prozent der Treibhausgasemissionen (Baukulturbericht 2022/23). Der höchstmögliche Erhalt von Gebäudestrukturen ist in diesem Zusammenhang geradezu zwingend erforderlich. Abgerissen werden sollte nur noch im Ausnahmefall. Betrachtet man die Umweltwirkungen wie den Primärenergiebedarf im gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes, also von der Herstellung, der Errichtung, über die Nutzung bis hin zur Entsorgung, so verliert der bei heute hoch energieeffizienten Neubauten relativ geringe Energieaufwand im Betrieb an Bedeutung gegenüber dem Aufwand, der in den Phasen Bau und Rückbau entsteht. Erst mit zunehmender Nutzungsdauer relativieren sich die Anteile für die graue Energie. Insofern sind Neubauten nicht nur ressosurcenschonend und mit guter Architektur zu planen, sondern auch auf große Langlebigkeit und zukünftig mögliche Nutzungsänderungen und Weiterverwendungen auszulegen, sozusagen passend sowohl für den Umbau als auch für den Neubau von morgen.

Niedersachsen hat mit der Novellierung seiner Bauordnung 2024 eine zukunftsweisende Vorlage für die anderen Länder-Bauordnungen in Deutschland geliefert. Nicht nur bezahlbarer Wohnraum kann hierzulande jetzt deutlich vereinfacht geschaffen werden, auch wurden wichtige Weichen für die Einhaltung von Klimazielen und die Reduktion der Treibhausgasemissionen gesetzt. Insbesondere die Privilegierung des Bestands wird die Anzahl von Gebäudeabrissen und Ersatzneubauten reduzieren. Dies ist ein ganz wichtiger Schritt Richtung Nachhaltigkeit und Klimaneutralität.

In einer Zeit, in der die gesamte Wertschöpfungskette Bau mit Herausforderungen wie Ressourcenknappheit und Klimawandel konfrontiert ist, zeigt der Staatspreis für Architektur eindrucksvoll, wie innovative, nachhaltige und zugleich einfache Lösungen unsere gebaute Umwelt positiv (um-)gestalten können. Die ausgezeichneten Projekte sind lebendige Beispiele dafür, wie Baukultur den Wandel aktiv mitgestaltet und neue Wege beschreitet.

Der Staatspreis für Architektur ist nicht nur eine Anerkennung für herausragende Leistungen, sondern auch ein Impuls, der alle Beteiligten dazu ermutigt, Verantwortung für das Bauen der Zukunft zu übernehmen. Dabei geht es auch um Dialog und Kooperation, wie die langjährige Zusammenarbeit zwischen Land und Architektenkammer Niedersachsen eindrucksvoll beweist. Neben dem Staatspreis tragen weitere gemeinsame Initiativen wie das Baukultursymposium oder das Projekt „Einfach gut!“ dazu bei, nachhaltiges Bauen stärker in der Gesellschaft zu verankern. Mein ausdrücklicher Dank gilt an dieser Stelle dem Niedersächsischen Wirtschaftsministerium, das unseren Initiativen für mehr Nachhaltigkeit im Bauen mit großer Offenheit begegnet.

Der Staatspreis 2024 setzt ein Zeichen für qualitätsvolles Bauen, das nicht nur den ökologischen Anforderungen unserer Zeit gerecht wird, sondern dringend benötigte Räume für die Zukunft schafft. Er zeichnet Planerinnen und Planer sowie Bauherren aus, die mit Kreativität und Verantwortung unsere gebaute Umwelt mitgestalten, weiterentwickeln und neue Standards setzen. In zwei Sitzungen und einer Exkursion hat die Jury aus dem Kreis der 50 eingereichten Arbeiten insgesamt sieben Projekte für die Engere Wahl mit vier Nominierungen und dem Preisträger bestimmt. Die Ergebnisse sind in der vorliegenden Dokumentation zusammengefasst und werden darüber hinaus in einer Wanderausstellung an mehreren Standorten des Landes und in Berlin gezeigt.

Danken möchte ich allen Bewerberinnen und Bewerbern sowie ihren Bauherrinnen und Bauherren: für ihr Engagement bei der Planung und Realisierung der Projekte und für ihre herausragenden Beiträge zur Baukultur in Niedersachsen. Möge der Staatspreis auch weiterhin die Visionen und den Mut befördern, den es braucht, um eine lebenswerte, nachhaltige und innovative gebaute Umwelt zu schaffen.