
„LESS IS ENOUGH“ – REDUCE, RE-USE, RECYCLE
DR.-ING. JONS MESSEDAT
ARCHITEKT & INDUSTRIEDESIGNER, STUTTGART HAWK HILDESHEIM, MODUL BAU & RAUM
FESTVORTRAG ZUR VERLEIHUNG DES NIEDERSÄCHSISCHEN STAATSPREIS
FÜR ARCHITEKTUR 2024 „NACHHALTIGES BAUEN FÜR WIRTSCHAFT UND ARBEIT“
AM 30. OKTOBER 2024 IM ALTEN RATHAUS HANNOVER
Sehr geehrter Minister Lies, lieber Kammerpräsident Marlow,
sehr geehrte Jury und Bauherrschaft,
liebe Architektinnen und Architekten,
sehr geehrtes Publikum hier im großen Saal,
vor einigen Jahren konnte ich gemeinsam mit der Architektenkammer Niedersachsen die Vortrags- und Gesprächsreihe „Mehrwert Architektur“ - Bauen für Unternehmen durchführen. Wir haben uns regelmäßig bei KMU´s, also kleineren und mittelständischen Unternehmen in ganz Niedersachsen getroffen. Dabei haben wir oft in typischen Gewerbegebieten in der Peripherie getagt, die stark von der verkehrsgerechten Anbindung an Lieferketten sowie den dominanten Logos der überregionalen Marken geprägt sind. Die Notwendigkeit der Forderung nach mehr gebauter Nachhaltigkeit, die den Bewerberinnen und Bewerbern um den diesjährigen Niedersächsischen Staatspreis für Architektur ins Pflichtenheft geschrieben ist, wird in diesem Kontext deutlich sichtbar. Partner der Veranstaltungsreihe waren die regionalen Handwerks-, Industrie- und Handelskammern. Vor Ort gab es als erstes immer einen Rundgang mit Erläuterungen zu den jeweiligen Produkten und Produktionsstätten. Im Anschluss daran sind wir mit der Unternehmer- und Architektenschaft in den Dialog getreten, um mehr über deren Zusammenarbeit zu erfahren. Speziell hat es uns interessiert, wie es gelungen ist, mit Architektur einen Mehrwert für das jeweilige Unternehmen und deren Mitarbeiterschaft zu schaffen.
Eine Station war seinerzeit das Fagus Werk im niedersächsischen Alfeld an der Leine, das im Jahr 2011 von der UNESCO in die Weltkulturerbeliste aufgenommen wurde. Für mich steht dieser wegweisende Bau beispielhaft für den diesjährigen Schwerpunkt des Niedersächsischen Staatspreises für Architektur.
Der klassische Gewerbebau wird auch nach über hundert Jahren immer noch als Produktionsstätte genutzt - ohne optisch und funktional zu altern. Das wirft für mich die Frage auf, wie Architektur für Wirtschaft und Arbeit heute gestaltet sein muss, um auch zukünftigen Generationen zu dienen. Können diese Bauten flexible Nutzungen aufnehmen und sind sie auch in Zukunft noch ansehnlich? Diese Frage stellt sich insbesondere vor dem Hintergrund, dass derzeit viele Gebäude schon nach einer Nutzungsdauer von nur wenigen Jahrzehnten - also Bauten aus den 1980er, 90er und den Nuller-Jahren abgerissen werden.
Sehr geehrter Herr Minister Lies, der Niedersächsische Staatspreis für Architektur zeigt die besondere Wertschätzung für Baukultur in Ihrem Bundesland und – wie im Jahrgang 2024 erstmals hervorgehoben wird, insbesondere für nachhaltiges Bauen für Wirtschaft und Arbeit. Unter Berücksichtigung des Prinzips der Selbstverwaltung der Wirtschaft obliegt Ihnen eine Aufsichtspflicht, um zu garantieren, dass die Kammern sich bei der Ausübung ihrer Tätigkeiten im Rahmen der für sie geltenden Gesetze und Rechtsvorschriften bewegen. Das mag sich zwar eher trocken anhören, ist aber ein zentraler Baustein für den Mehrwert, den die Auszeichnung schafft. Der Staatspreis ist entsprechend der Compliance garantiert frei von Lobbyismus, Vorteilsnahmen und Marketingzwecken einzelner. Die Auszeichnung, vergeben gemeinsam mit der Architektenkammer Niedersachsen, unter der Leitung einer interdisziplinär zusammengesetzten Jury, dient nicht nur dem Einzelnen, sondern auch dem Gemeinwohl. Damit steht der seit über 20 Jahren vergebene Niedersächsische Staatspreis für Architektur nicht nur für einen wirtschaftlichen, sondern auch für einen gesellschaftlichen Mehrwert durch Architektur.
Die Dokumentation fasst die ausgezeichneten Projekte und auch den spannenden, manchmal kontroversen Jurierungsprozess anschaulich zusammen und dient als nachhaltige Referenz. Ein gutes Beispiel dafür ist das Siegerprojekt aus dem Jahr 2018 mit dem Schwerpunkt Bauen für Wirtschaft und Verwaltung, den ich als Jurymitglied begleiten durfte. Den Staatspreis erhielt seinerzeit das Projekt Hafvn in Hannover von Mensing Timofticiuc Architekten, dessen etwas sperriger Name eine Kombination aus dem deutschen Wort Hafen und dem englischen Begriff Heaven (Himmelreich) ist. Als Jury waren wir seinerzeit überrascht, welche Offenheit und Vielfalt sich hinter der ziemlich schroffen Fassade auftut. Der Juryvorsitzende Professor Michael Schumacher hat diesen Eindruck in der Dokumentation sehr treffend beschrieben: „Hier sind markante Räume definiert worden, die Raum lassen für das nicht Planbare, bei dem Kopf und Hand, Denken und Ausprobieren wieder unmittelbar durch die Architektur angesprochen werden“. Ich persönlich denke, vor dem Hintergrund des dramatischen Fachkräftemangels ist es wirklich wichtig, mit gut gestalteten und flexiblen Arbeitsplätzen die zukünftige, junge Mitarbeiterschaft anzusprechen und zu gewinnen.
Im Jahr 2024 hat der Niedersächsische Staatspreis für Architektur mit dem Zusatz „Nachhaltiges Bauen“ einen besonderen Schwerpunkt erhalten. Die Begriffe „Reduce, Re-use, Recycle“, zu Deutsch: Reduzieren, Weiterverwenden und Wiederverwerten, stehen für die drei Säulen der nachhaltigen Kreislaufwirtschaft. Ursprünglich aus der Abfallwirtschaft kommend, wurde der Dreiklang bereits 2012 zum Motto des Deutschen Pavillons auf der 13. Architekturbiennale in Venedig. Noch einen Schritt weiter ging der deutsche Beitrag „Open for Maintenance“, der sich im Jahr 2023 den Themen Pflege, Reparatur und Instandhaltung im Bauwesen widmete. Den Mittelpunkt bildete eine Materialbörse aus Hinterlassenschaften der vergangenen Ausstellungen, die von der Kuratorenschaft gesammelt, inventarisiert und neu inszeniert wurden. Dazu sagte Bundesbauministerin Klara Geywitz: „Die Ausstellung ‚Wegen Umbau geöffnet‘ beleuchtet auf anschauliche Weise die aktuellen Herausforderungen im Bauwesen. Zirkuläres Wirtschaften und Urban Mining sind längst keine Spartenthemen mehr. Die Wiederverwertung von Bauteilen muss so normal werden wie das Pfandsystem oder Second-Hand-Kleidung.“
Wie die Eckpunkte Reduzieren, Weiterverwenden und Wiederverwerten zum Kern einer ganzheitlichen Unternehmenskultur werden können, haben die Schweizer Freitag Brüder bereits Anfang der 90er Jahre gezeigt. Im Zentrum ihrer Unternehmensphilosophie steht eine Denk- und Handlungsweise, die auf der Idee von Kreisläufen beruht, bei denen die sinnvolle (Wieder-)Verwendung von Ressourcen im Vordergrund steht. Der Freitag Store aus 19 gebrauchten Frachtcontainern in Zürich ist mittlerweile schon ein Klassiker, dessen Architektur immer noch deckungsgleich zu den Produkten passt. Die typischen Freitag Taschen aus gebrauchten LKW-Planen und Autogurten sind inzwischen nicht mehr ganz preiswert - vielleicht zählt der sogenannte Swissness Faktor hinzu - aber tatsächlich rezykliert und fast „unkaputtbar“. Beispielhaft ist, dass hier von den Produkten bis zur Architektur möglichst viele „Halbzeuge“ als Teil eines zirkulären Prozesses in der Wertschöpfungskette erhalten bleiben.
Für zu viele Materialien folgt aber immer noch die sogenannte „thermische Verwertung“. Also die Verbrennung, ganz nach dem Motto: „make, take, waste“. Sicher ist es ein guter Ansatz, wenn Architekten auch für diesen, wohl nicht ganz zu vermeidenden Bereich der Abfallwirtschaft kreative Lösungen vorschlagen. Der dänische Architekt Bjarke Ingels hat ein gebautes Statement dazu geliefert: „Unser Kraftwerk CopenHill ist so sauber, dass wir seine Gebäudemasse ohne Gewissensbisse zur Grundlage des sozialen Lebens der Stadt machen konnten: „Seine Fassade ist bekletterbar, das Dach ist begehbar und seine Hänge sind befahrbar“ so der Architekt. Der Name CopenHill steht sicher auch für das Augenzwinkern des etwas skurrilen Projektes: Tatsächlich ist der höchste „Berg“ Dänemarks, der Møllehøj gerade mal rund 170 Meter hoch.
Um ein stetiges „Downgrading“ im Recyclingprozess zu vermeiden, ist eine „sortenreine“ Erfassung aller Bauelemente notwendig. Grundlage dafür ist eine transparente und leicht verständliche Kennzeichnung aller genutzten Ressourcen. Ein Lösungsansatz für diese Forderung ist das Etablieren eines Materialpasses. Ähnlich wie der klassische „Waschzettel“ bei Textilien gibt dieser Auskunft zum Ursprung, zur Zusammensetzung und schließlich zum Recycling. Die Idee eines Ressourcenpasses setzt auf mehr Transparenz in der Circular Economy. Er soll Angaben zu allen verbauten Materialien, vom Fundament bis zum Fenstergriff sammeln. Neben den Aktivitäten des Bauministeriums haben verschiedene Akteure, wie die EPEA GmbH, die 1987 in Hamburg gegründet wurde und mittlerweile zu Drees & Sommer gehört, sowie die 2007 von der Bau- und Immobilienwirtschaft gegründete Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen DGNB erste Lösungsansätze dazu erarbeitet. Derzeit sind die verschiedenen Zertifizierungen mit einigem Zeitaufwand und Kosten verbunden. Langfristig kann aber ein nachhaltiger Mehrwert geschaffen werden, der mit den Forderungen der ESG-Transformation (Environmental Social Governance, zu Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Es würde den Rahmen dieses Vortrages sprengen, auf die diversen, noch ziemlich unübersichtlichen Nachhaltigkeits- Labels und Zertifizierungen einzugehen. Aber mir fehlen darin einige ganz wesentliche Aspekte: Wie nachhaltig ist die Architektur eigentlich an sich – ist diese zeitlos wie das Fagus Werk oder langfristig flexibel und reversibel, wie der Freitag Store? Und wenn die zertifizierten Bauwerke dann doch eines Tages in ihre Einzelteile zerlegt werden - wo können, ganz pragmatisch gefragt, die akribisch aufgelisteten Bauteile eigentlich ge- und verkauft werden?
Vor diesem Hintergrund erschließt sich der eindrückliche Appell, der von der Architekturbiennale 2023 ausging. Um den Materialfluss nachhaltig „rund“ zu bekommen, ist es notwendig, Netzwerke und Materialbörsen im Sinne von erweiterten „Wertstoffhöfen“ zu etablieren. Viele Bauelemente von der Haustechnik, über Wand-, Boden- und Deckenverkleidungen, bis hin zu tragenden Strukturen könnten auf diesem Wege einem echten „Second Life“ zugeführt werden. Um dies zu ermöglichen, ist es sinnvoll, die drei R´s möglichst früh im Projektablauf zu berücksichtigen. Ganz zu Anfang sorgen digitalisierte Prozesse wie das BIM- Verfahren (Akronym für „Building Information Modeling“) für detaillierte, allen Planungsbeteiligten zugängliche Informationen. So kann ein „digitaler Zwilling“ des Projekts erstellt werden, anhand dessen alle verwendeten Ressourcen, Materialien und Produkte gekennzeichnet und lokalisiert sind. Sobald möglichst viele der verbauten Bauelemente mit detaillierten Angaben zur Qualität, Herkunft und Wiederverwendbarkeit erfasst sind, steigert sich nicht nur die Effizienz, sondern auch die Transparenz zukünftiger Bauprojekte.
Noch ist das Recycling von kompletten Gebäuden eher der Einzelfall. Es greift bei BIM-konformen Neubauvorhaben auf der grünen Wiese, viel besser als bei bestehenden, über Jahrzehnte gewachsenen Arealen in den Städten. Der nicht unerhebliche Aufwand zur Erfassung aller Bauteile, von der einzelnen Schraube bis zu ganzen Innenausbauten, schlägt sich bisher nicht ausreichend in den Leistungsbildern und Honoraren der Planenden nieder. In diesem Sinne, bin ich schon sehr gespannt auf alle für den Niedersächsischen Staatspreis für Architektur nominierten Projekte, die wir im Anschluss an diesen Vortrag kennenlernen werden!
Sehr geehrte Ausloberinnen und Auslober, Jury und Bauherrschaft, liebe Bewerberinnen und Bewerber um den Niedersächsischen Staatspreis für Architektur 2024. Im Zentrum unserer gemeinsamen Bemühungen steht das Ziel, unsere Städte und Landschaften der nächsten Generation möglichst intakt zu übergeben. Oder, wie es der deutsche Raumfahrer Alexander Gerst am 25. November 2018 aus einer Höhe von 400 Kilometern über der Erdoberfläche in einer Video-Botschaft an seine zukünftigen Enkelkinder aus dem All gesendet hat: „Wenn ich so auf den Planeten runter schaue, denke ich, dass ich mich bei euch wohl leider entschuldigen muss. Im Moment sieht es so aus, also ob wir – meine Generation – euch den Planeten nicht gerade im besten Zustand hinterlassen werden“.
Wie diese Botschaft angekommen ist, sollten wir am besten deren Adressaten, also die nächste Generation fragen.
Ich erlebe, dass die jüngere Generation ein besonders starkes Bewusstsein für Nachhaltigkeit und die Schonung unserer begrenzten Ressourcen entwickelt hat. Dies schlägt sich auch sehr erfreulich in den Bewerberzahlen um Studienplätze und Projekte mit einem Lehrangebot zu den Themen Reduce, Re-use, Recycle in Architektur und Gestaltung nieder. Bei uns an der HAWK in Hildesheim haben wir ein Re-Use Projekt quasi vor der Haustür. Es
handelt sich um die Alte Pathologie, die seit Jahrzehnten auf eine – wenn man das bei diesem Bautypus so sagen darf – Revitalisierung wartet. Das denkmalgeschützte Gebäude ist ein Relikt des ehemaligen Krankenhausareals auf dem in den vergangenen Jahren der neue Hochschulcampus „Am Weinberg“ entstanden
ist. Nachdem die Fakultät Bauen und Erhalten den bedauernswerten Zustand dokumentiert hat, haben wir mit Studierenden an der Fakultät Gestaltung im Modul Bau und Raum Vorschläge für eine Nachnutzung entwickelt. Im Januar 2024 gab eine öffentliche Gesprächsrunde einen Einblick in die jüngste Geschichte der direkt neben dem HAWK-Campus gelegenen, aber völlig unabhängigen und in separatem Besitz befindlichen Liegenschaft. Als Förderer für das studentische Projekt konnten wir die Kaiserhausstiftung Heinz Geyer aus Hildesheim
gewinnen, die regionale Denkmalschutzprojekte und Forschungsaufträge unterstützt. Ein besonderer Wunsch der Studierenden ist es, hier einen „Dritten Ort“ für den Campus zu schaffen. Dieser könnte beispielsweise als Open Space für die Hochschule und die Hildesheimer Bürgerinnen und Bürger dienen. Ein Student, der sich bei Architects for Future engagiert, hat vorgeschlagen, hier eine Materialbörse für wiederverwendete Bauteile einzurichten – ganz im Sinne des Dreiklangs „Reduce, Re-use, Recycle“, der 13. Architekturbiennale in Venedig.
Ein weiterer Wunsch der jüngeren Generation ist es, möglichst viele Freiräume zu erhalten. Das bedeutet, Raum für zukünftige kreative Projekte offen zu halten. Also das Bestehende zu verdichten und weniger Fläche zu versiegeln. Nicht alle Lücken sofort zu schließen, sondern auch Platz für die Ideen und Wünsche der nachfolgenden Generationen zu lassen. Und den Mut zu haben, einfach mal zu schauen, was sich auf
Brachflächen und in leerstehenden Arealen partizipativ entwickelt. In Zukunft wird das Weiterbauen im Bestand im Mittelpunkt des Nachhaltigen Bauens für Wirtschaft und Arbeit stehen - auch damit nachfolgende Generationen die Chance bekommen, neue Konzepte unter alten Dächern zu realisieren. Das kann bedeuten, dass wir als Architektenschaft weniger Material verbrauchen, weniger Abreißen und vielleicht auch etwas weniger Neues bauen.
Sehr geehrte Damen und Herren, das Streben nach Effizienz bedeutete bisher nicht nur in der Bauwirtschaft immer eine Minimierung des Inputs bei maximalem Output. Neuere Suffizienzstrategien stellen die Notwendigkeit von mehr Wachstum und Ressourcenverbrauch in Frage. Die Forderung nach einer Konzentration
auf das Wesentliche im Sinne eines „Weniger ist mehr“ zielte in der Architektur bisher auf einen puristischen Gestaltungskanon ab. In Zukunft rückt die Forderung nach einem „Mehr“ an Reduktion ganz an den Anfang der
Wertschöpfungskette.
Vielleicht ist weniger nicht mehr, sondern genug – ganz im Sinne von „Less ist enough“.