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Wolfsburger Kirchengemeinde will Gebäude-Ensemble des finnischen Stararchitekten Alvar Aalto verkaufen

| Fachmeldungen

Teilnahmewettbewerb zur Nachnutzung des Kirchenzentrums Heilig-Geist ausgelobt

Alvar Aalto zählt zu den international bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts und war gleichsam einer der stilprägenden Designer Skandinaviens. Als „Vater des Modernismus“ rund um den Globus gefeiert, umfasst sein Lebenswerk ca. 500 Gebäude-Entwürfe. Die Heilig-Geist-Kirche in Wolfsburg wird in Fachkreisen als eines der gelungensten realisierten Aalto-Bauwerke angesehen. Das beeindruckende Ensemble am Fuße des Klieversberges mit dem markanten freistehenden Glockenturm umfasst fünf Gebäude und birgt eine Besonderheit: Der weltweit einzige Kindergarten, den Aalto jemals entworfen hat, ist integraler Bestandteil. Weil das Baudenkmal von nationaler Bedeutung nur noch temporär für Gottesdienste genutzt wird, Teile seit Jahren leer stehen, der Zahn der Zeit an der Substanz nagt, haben Kirchengemeinde und Kirchenkreis entschieden: Das Gebäudeensemble soll denkmalschutz-, kirchen- und gesellschaftskonform nachgenutzt werden und so für die Nachwelt erhalten bleiben. Dafür werden nun Investoren mit Ideen gesucht.

Die Liemak-Immobilien GmbH, eine Tochter der Klosterkammer Hannover, ist von der Lukas-Kirchengemeinde damit beauftragt, im Rahmen eines zweistufigen Wettbewerbs potentielle Investoren für das Ensemble zu begeistern. Im ersten Stepp soll das Interesse an der besonderen Immobilie geweckt werden. Dieser Teil des Wettbewerbs ist öffentlich. Interessenten können hier ihre Expertise einbringen. Aus dem Pool der Bewerber wählt ein breit aufgestelltes Entscheidungsgremium die Kandidaten aus, die zu einem beschränkten Investorenwettbewerb eingeladen werden und Konzeptvorschläge für eine nachhaltige wie tragfähige Nachnutzung unter Berücksichtigung denkmal-, kirchenrechtlicher und städtebaulicher Aspekte einreichen können. Dabei gilt es, sich empathisch der architektonischen Bedeutung des einmaligen Ensembles zu nähern und zeitgleich den Fokus auf die ursprüngliche Nutzung des Gemeindezentrums Heilig-Geist zu legen.

Die Ev.-luth. Lukas- Kirchengemeinde, der Ev.-luth. Kirchenkreis Wolfsburg- Wittingen, die Stadt Wolfsburg und die Alvar Aalto Gesellschaft e.V. eint gleichermaßen der Wunsch, das Gebäudeensemble vollständig und möglichst originalgetreu zu erhalten. Das beschränkt die Nachnutzung, birgt aber auch Chancen. Angefangen bei dem Kindergarten, der wieder als Kindertagesstätte reaktiviert werden kann, weil der Bedarf vorhanden ist und Fördergelder dafür fließen würden. Die lichtdurchflutete Kirche mit ihrem geschwungenen Dach könnte weiterhin von der Kirchengemeinde teilgenutzt und daneben als Kulturraum für Theater und Konzerte geöffnet werden. In dem Falle ist eine Objektförderung im Rahmen der nationalen Städtebauförderung möglich. Eine Machbarkeitsstudie für das gesamte Ensemble belegt den  gestalterischen Rahmen und zeigt auf, in welchen Umfang und an welcher Stelle eine geringfügige Ergänzung der Bestandsbauten möglich wäre.

Das kirchliche Heilig-Geist-Ensemble besteht aus fünf singulären Gebäuden – der Kirche, dem Glockenturm, dem Gemeindehaus, dem Kindergarten und einem Wohnhaus. Die öffentlichen Gebäude des Ensembles verfügen über den für Aalto typischen fächerförmigen Grundriss und geneigte Dachflächen. Ein besonderes Detail sind die sägezahnartigen Gebäudeecken der weiß geschlämmten Backsteingebäude. Wiederkehrende organisch geformte Motive sowie die ebenfalls für Aalto typischen Lamellen als Blend- und Sichtschutz sprechen eine besondere Formsprache.

Die Details korrespondieren miteinander und schaffen so ein architektonisches Gesamtbild. Die Grundstücksfläche des innerstädtischen Areals beträgt 9.095 qm. Alvar Aalto (1898-1976) zählt neben Le Corbusier, Mies van der Rohe und Frank Lloyd Wright zu den „großen Vier“ der Architektur des 20. Jahrhunderts. Aalto hat Generationen von Designern und Architekten geprägt. Bereits mit einem seiner ersten Werke, dem Paimio Sanatorium, setzte er einen Meilenstein der europäischen Architekturgeschichte. Er entwarf sowohl für die Weltausstellung 1936 in Paris als auch für die Expo 1938 in New York den jeweiligen finnischen Länderpavillon.

Ab Mitte der 1960er Jahre arbeitet Aalto zunehmend auch international. Seine Impulse für eine „Humanisierung der Architektur“ wirken bis heute nach und inspirieren die Architekturwelt nachhaltig. Jenseits seiner finnischen Heimat befinden sich die meisten seiner Bauten in Deutschland, wobei Wolfsburg das Epizentrum ist. Neben dem Alvar Aalto Kulturhaus (Entwurf 1958, Fertigstellung 1962) und dem Heilig-Geist-Ensemble hat er auch die 1968 fertiggestellte Stephanuskirche entworfen.

Damit verfügt Wolfsburg über gleich drei Aalto-Bauten bzw. Ensembles – mehr als jede andere Stadt außerhalb Finnlands. Aalto hat zahlreiche internationale Auszeichnungen für seine prägende architektonische Handschrift verliehen bekommen – darunter der preußische Orden „Pour le mérite für Wissenschaft und Künste“, die Ehrenmitgliedschaft der „American Academy of Arts and Letters“, die „Royal Gold Medal“ des Royal Institute of British Architekts“ und der „Ehrendoktortitel der Technischen Hochschule Wien“.

Die Bekanntmachung für den Teilnehmerwettbewerb steht zum Download zur Verfügung.