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hintere Reihe v.l.n.r.: Katrin Müller-Hohenstein (Moderation), Jürgen Dusel (Bundesbeauftragter), Gwendolyn Kusters (Stadt Hannover), Robert Marlow (Präsident der Architektenkammer Niedersachsen), Michael Müller (Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer); vordere Reihe v.l.n.r.: Petra Wontorra (Landesbeauftragte), Andrea Hammamm (Beauftragte der Stadt Hannover), Maren Nacke (Bewohnerin Hainhölzer-Markt). Foto: Seifert

Aktuell

Wie man zukunftsfähige Gemeinschaften baut

Regionalkonferenz des Bundesbehindertenbeauftragen, Bundesarchitektenkammer und Architektenkammer Niedersachsen zum inklusiven Gestalten in Hannover -  Nach Schätzungen werden bis zu 90 Prozent aller Menschen im Verlauf ihres Lebens von körperlichen Behinderungen betroffen sein. Bauen ohne Barrieren ist also nichts „nettes“, wie der Bundesbeauftragte der Bundesregierung für Menschen mit Behinderungen, Jürgen Dusel, feststellte, sondern eine dringend benötigte Maßnahme zur Teilhabe aller Menschen.

Dusel eröffnete Anfang März in Hannover die insgesamt neunte Regionalkonferenz „Inklusiv gestalten – Ideen und gute Beispiele aus Architektur und Stadtplanung“, nach 2017 bereits die zweite in Niedersachsen. Die Reihe wird vom Bundesbeauftragten  gemeinsam mit der Bundesarchitektenkammer und den Länderarchitektenkammern seit 2016 durchgeführt und geht in diesem Jahr noch nach Essen, Stuttgart und Dresden.

Kammerpräsident Robert Marlow gab Dusel recht: Eine barrierefreie Architektur sollte nicht mehr die Ausnahme für manche, sondern die Regel für alle sein. Rund 200 Besucher – darunter zahlreiche mit Handicap – gaben dafür lauten Applaus. Marlow betonte den baulich universalen Ansatz, der in barrierefreien Gebäuden unterschiedliche Lebensentwürfe für unterschiedliche Menschen ermöglichen müsse.

Ums Bauen für alle ging es auch in der ersten Diskussionsrunde, die, wie der ganze Tag, von der ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein geführt wurde.

Niedersachsen strebt derzeit eine Änderung der Bauordnung an, um Baulücken oder Aufstockungen für den dringend benötigten Wohnraum besser nutzbar zu machen, wie Stefanie Nöthel, vom Niedersächsischen Bauministerium berichtete. Die Gesetzesinitiative helfe, Wohnungsraum an Orten zu schaffen, wo er sonst nicht entstünde. Die Niedersächsische Landesbehindertenbeauftragte Petra Wontorra, pochte darauf, dass die Barrierefreiheit auch bei diesen Projekten wichtig sei. Ziel müsse es immer sein, inklusive Quartiere zu schaffen und so aufzuzeigen, wie sinnvoll es sei, barrierefrei für alle zu bauen. Dusel betonte, dass Barrierefreiheit immer ein Standortvorteil sei, gerade auch im dringend benötigten Wohnungsbau. Barrierefrei zu bauen sei ein Menschenrecht, die oftmals negative Konnotation des Begriffs Barrierefreiheit müsse überwunden werden. Dass grundsätzlich nicht Bedürfnisse einzelner im Vordergrund stehen, sondern zukunftsfähige Gemeinschaften für die Gesamtgesellschaft entstehen müssen, war Konsens der Diskussionsrunde.

Wie das konkret aussehen kann, zeigten die Architektin Britta Kerstingjohänner von KPN Architekten aus Braunschweig, Landschaftsarchitektin Gwendolyn Kusters von der Stadt Hannover und Architekt Harald Kiefer aus Sarstedt. Alle drei Best-Practice-Beispiele machten anschaulich deutlich, worin die Chance guter barrierefreier Projekte liegt, sei es im Hochbau oder im landschaftsarchitektonisch gestalteten öffentlichen Raum: in einer sozialen und gut gestalteten Infrastruktur, die eine breite Teilhabe ermöglicht und positiv ins Quartier ausstrahlt.

Im Braunschweiger Beispiel war es eine altengerechte Wohnanlage, die die Selbstbestimmtheit der Menschen in den Vordergrund stellte. Am hannoverschen Hainhölzer Markt zeigte die Architektur von Kiefer+Kiefer Architekten wie hochwertig sozialer Wohnungsbau daherkommen kann, wenn er auf Grundlage eines Architektenwettbewerbs initiiert und gut geplant umgesetzt wird. Der Bauherr hanova Wohnen machte hier alles richtig. Und der neue Stadtteilpark in Hannover-Linden zeigte deutlich, dass der Schlüssel zur inklusiven Gestaltung und deren Akzeptanz, in einer eng mit dem Planungsprozess verbundenen Beteiligung liegt. Kusters zeigte überzeugend, wie daraus ein gelungener Baustein zur Quartiersentwicklung wurde.

Bereits zuvor hatte Ursula Kremer-Preiß von der Deutschen Altenhilfe betont, dass all dies keine Anstrengungen für eine Minderheit sind. Die älter werdende Gesellschaft benötigte dringend eine Fokussierung auf diese Themen – umso wichtiger die guten Fallbeispiele.

Und die Kosten? Torben Maier vom Projektentwickler Terragon Projekt aus Berlin zeigte sachlich auf, dass von 148 Kriterien für Barrierefreiheit 138 keine Kostentreiber sind – zumal die Industrie mittlerweile für viele baulichen Details kostenneutrale Lösungen anbiete. Am Ende seien Mehrkosten zwar vorhanden, aber überschaubar. Er forderte, dass die KfW sich stärker in der Förderung des Neubaus engagiere müsse, um in diesem Segment, weitere Anreize zu schaffen.

Am Ende des Tages zeigte eine junge Bewohnerin des Hainhölzer Marktes fröhlich lächelnd auf, was Inklusion wirklich bedeutet. Für Maren Nacke bot ihre barrierefreie Wohnung die Chance, von der Nordseeküste nach Hannover zu ziehen, eine Ausbildung zu beginnen und sich mit ihrem Rollstuhl ins selbstbestimmte Leben zu stürzen. Hannover sei mit seinem Angebot im Vergleich auch gut aufgestellt, bestätigte Andrea Hammann, Behindertenbeauftragte der Landeshauptstadt. Marlow dankte ihr, dass sie Bauanträge intensiv nach Inklusionsgesichtspunkten überprüfe und so das Thema voranbringe. Der Berufsstand sei gleichwohl bereits sensibilisiert. Hammann gab den Dank zurück, viele barrierefreie Projekte seien sehr gut gestaltet.

Fazit: Barrierefreiheit ist leistbar und nutzt der Gesellschaft als Ganzes. Jürgen Dusel hob das Thema noch ein Stück höher: Ihm ging es auch um die Frage, in welchem Land wir leben wollen. Gerade in Zeiten, in denen bestimmte politische Kräfte die gelebte Vielfalt in Deutschland infrage stellten, sei es umso wichtiger, das Versprechen auf Teilhabe konkret auszufüllen. Die soziale Dimension der Barrierefreiheit sei entscheidend und er wünsche sich ein buntes, offenes Land. Inklusion umzusetzen, sei Teil der Demokratiearbeit. Aus diesem Verständnis heraus, stellte er seiner Amtszeit als Bundesbeauftragter das Motto „Demokratie braucht Inklusion“ voran. Dem schlossen sich nach diesem Tag alle überzeugt an.

Lars Menz

 

 

Eindruck von der Regionalkonferenz Inklusiv gestalten – Ideen und gute Beispiele aus Architektur und Stadtplanung 4.3.2020:

von Kerstin Blochberger
Geschäftsführung Bundesverband behinderter und chronisch kranker Eltern - bbe e. V.

 

Als Selbstvertreterin von Eltern mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen habe ich mit großem Interesse die Tagung verfolgt. Besonders der Stadtteilpark in Hannover-Linden hat mich überzeugt, weil so viele Gruppen und Einzelpersonen in den Gestaltungsprozess einbezogen waren und der Park inzwischen vielfältig genutzt werden kann.

Alle Referent*innen der Tagung haben über Barrierefreiheit gesprochen, das ist sehr zu begrüßen. Beim genaueren Nachfragen stellte sich aber heraus, dass der Begriff noch immer unterschiedlich verwendet wird.

So war in einem Projekt von neun barrierefreien – davon zwei rollstuhlgerechten – Wohnungen die Rede. Architekten nutzen den Begriff „barrierefrei“ häufig noch im Sinne von „schwellenloses Planen und Bauen“. Sozialplaner und Fachmenschen aller anderen Fachrichtungen kennen den Begriff als übergreifenden Standard für alle Menschen. „Barrierefrei“ wird im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention seit Jahren genutzt, um zu beschreiben, dass ein öffentliches Gebäude, eine Wohnung oder ein Gegenstand für alle Menschen nutzbar ist – auch für blinde, gehörlose, psychisch erkrankte, mehrfachbehinderte Menschen oder Familien mit Kinderwagen oder Menschen mit Lernschwierigkeiten. Barrierefrei beschreibt seit geraumer Zeit den Standard „Universal Design“.

Deshalb richte ich die eindringliche Bitte an die Berufsgruppe der Architekten und Bauingenieure auch im Zusammenhang von Wohnungsplanung den Begriff so zu verwenden. Wohnungen, die lediglich „stufen- und schwellenlos“ aber eben nicht „barrierefrei“ im umfänglichen Sinn sind, sollten deshalb auch genau so bezeichnet werden: „stufen- und schwellenlos“. Dann wissen auch die zukünftigen Nutzer*innen, was sie erwarten können – und was nicht.

Und ein zweites Anliegen blieb nach Ende der Veranstaltung noch: Es fehlen auch bei Neubauprojekten oftmals die großen Wohnungen für Familien mit rollstuhlfahrenden Angehörigen. Vom rollstuhlfahrenden Elternteil mit 2 oder mehr Kindern, einer 4- oder mehrköpfigen Familie mit einem rollstuhlnutzenden Kind bis zur 3 Generationenfamilie mit pflegebedürftigen Großelternteil – für alle diese Familienkonstellationen fehlen Wohnungen, die groß genug und dennoch bezahlbar sind. Hier geht es nicht um Luxus oder repräsentative Mehrgeschosswohnungen. Stattdessen sollte eine flexible Umgestaltung der Zimmeraufteilung ermöglicht werden, um veränderten Lebenssituationen gerecht werden zu können.

Barrierefreiheit in diesem Sinn schafft die Möglichkeit, lange in einer Wohnung leben zu können und verringert die Abhängigkeit von anderen Hilfen. Das wiederum ist in Zeiten fehlender Pflegekräfte für alle Menschen wichtig, wenn sie später selbst einmal in diese Situation kommen werden.

 

 

Anmerkung:

Die Anforderungen an die Barrierefreiheit sind in Niedersachsen bauordnungsrechtlich durch § 49 NBauO i.V.m der Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (VV TB) gesetzlich geregelt. Einzelheiten ergeben sich insbesondere aus dem Abschnitt „A. 4 Sicherheit und Barrierefreiheit bei der Nutzung“. In dem Abschnitt wird weitgehend auf die DIN 18040 Bezug genommen. Die zusätzlichen Vorgaben an die Rollstuhlgerechtigkeit ergeben sich aus § 49 NBauO i.V.m. den VV TB und der DIN 18040-2 durch die Anforderungen „R“. Die Regelungen sind als Teil des öffentlichen Baurechtes zwingend. Für Abweichungen von den Vorgaben ist eine Befreiung nach § 66 NBauO erforderlich.